Das Glück ist ein Regenschirm

Das Glück ist ein REgenschirm

Eine Geschichte aus meinem neuen Werk: DAMENWAHL. Das Buch zum Dreier

Ja, ich gestehe  ich bin manchmal etwas vergesslich. So haben schon verschiedene Gegenstände, die ursprünglich in meiner Tasche waren, unabsichtlich den einen oder anderen neuen Besitzer gefunden. An einer neuen Destination. Irgendwo in der Weltgeschichte. Einige dieser Gegenstände fanden wieder zu mir zurück. Andere blieben für immer verschwunden. 

Einmal vergaß ich meinen Wohnungsschlüssel in einer Nachttischlade in einem Hotel in Frankfurt. Doch die Post machts wieder gut. Ein anderes Mal ließ ich meine Handtasche in einem Lokal in Istanbul einfach an der Sessellehne hängen. Da kam dann der aufgeregte Lokalbesitzer gleich meinem Vater und mir hinterhergerannt und brachte mir die Tasche nach. Das daraufhin folgende großzügige und wohl nicht ganz ernst gemeinte Angebot von 100 Kamelen und 200 Schafen für seine vergessliche Tochter schlug mein Vater aber freundlich lächelnd aus.

Foto: brisigrafie

Zu den Dingen, die grundsätzlich niemals wieder zu mir zurückfinden, zählen Regenschirme. Das sind meine Lieblingsdableibsel. In meinem Leben habe ich sicherlich schon an die sage und schreibe zwanzig Regenschirme in diversen Lokalen, bei Festen, auf Reisen oder bei Verwandten vergessen. Weil es regnete, als ich ankam, und  wir erraten es natürlich  nicht mehr regnete, als ich wieder ging.

Klarer Fall: Wenn das Ding nicht gebraucht wird, geht es auch niemandem ab. Schon wird aus dem Regenschirm ein Vergessel oder eben ein Dableibsel. Dabei kann es durchaus positiv sein, wenn so ein Dableibselschirm dableibt. Dann nämlich, wenn er zum Wanderpokal wird. Weil er vielleicht irgendwann einmal einem nicht nass werden wollenden Schönfrisurenträger den Tag retten wird. Und danach wieder irgendwo anders auftaucht. Vielleicht versehe ich einen meiner Schirme einmal mit einer Trackingfunktion und beobachte dann online, wohin es ihn im Laufe der Zeit verschlägt. Das wär doch was …

In meiner Familie bin ich als Regenschirmvergesserin schon fast eine Legende. Meine Großmutter, die selbst über ein erstaunliches Arsenal an Regenschirmen verfügte, schenkte mir einmal gleich drei Regenschirme zum Geburtstag – mit einer Karte, auf die Sie „Für Dich, liebe Evi, zum Vergessen“ draufschrieb. Tatsächlich hab ich zwei dieser Regenschirme bereits irgendwo „angebaut“. Und mein lieber Sohn steigt in meine Fußstapfen. Den dritten Uromaschirm hat er nämlich in der Schule vergessen. Wahrscheinlich liegt er in irgendeiner Sammelsurienkiste. Oder ein anderes Kind hat ihn zu sich nach Hause verschleppt.

Meine Oma lebt leider nicht mehr. Aber sie hat mir zwei ihrer Lieblingsschirme hinterlassen. Und ob Sie es glauben oder nicht: Diese beiden Schirme habe ich jetzt seit über sieben Jahren. Und ich habe sie kein einziges Mal vergessen.