12 Taucher im Schatten des Vulkans (2)

12 Taucher im Schatten des Vulkans (2)

Eine unglaubliche Balireise – Teil 2

Fotos: sind alle zusammengeklaut von den Gefährten


Mantas: im Reich der schwarzen Riesen

Die Tage auf Bali eilen dahin. Wir tauchen, essen, faulenzen und genießen. Es ist ordentlich viel los und wir stehen immer recht zeitig auf. Heute ist Tagwache um 6:15 Uhr (ich bin sicher, unser Küchenlegionär ist schon eine ganze Weile früher munter). Wenn ich das daheim erzähle, zeigen mir sicher alle den Vogel. Sonst schlafe ich an Arbeitstagen bis mindestens 7 Uhr. Aber doch nicht im Urlaub …

So halbwegs frisch packen wir alle zwölf unsere Siebensachen für einen Tauchausflug der besonderen Art zusammen. Es geht zum Mantapoint Nusa Penida. Mit Sack und Pack fahren wir mit dem Hotelbus in den Süden der Insel, von wo aus wir mit dem Tauchboot zum Mantapoint weiterschippern. Vorbei an Sandstränden, Steilküsten, bizarren Felsformationen und herrlichem Grün. Eine Dreiviertelstunde Bootsfahrt mit zwei ungeplanten Zwischenstopps (im Meer schwimmende Plastikteile haben sich in der Bootsmaschinerie verfangen) später reiten wir an unserem Bestimmungsort ein.

Nach einigem Hin und Her auf dem etwas beengten Tauchboot sind alle bereit zum Abtauchen. Die vorangegangenen Fragen vom Organisator und Leiter unseres Ausflugs, ob einer von uns noch nicht mit Rolle rückwärts vom Boot ins Meer eingestiegen ist oder Strömungstauchgänge gemacht hat, habe wieder nur ich mit einem verhaltenen Handzeichen mit Ja beantwortet. Doch was mir mit meinen mittlerweile 62 Tauchgängen an Erfahrung fehlt, mache ich mit gespannter Neugier wett. Ein neues Kapitel des großen Abenteuers kann beginnen. Die Ernüchterung folgt sogleich, als wir uns ins Wasser fallen lassen: Die Rolle rückwärts klingt zwar toll, ist aber vollkommen unspektakulär.

Wir tauchen ab. Mein Buddy ist auch diesmal wieder mein Göttergatte, mit im Team sind aber auch die Zahlenfriseurin und der Aquaman (natürlich mit Go-Pro bewaffnet). Ein kurzer Check, ob es allen gut geht, ein paar Flossenschläge und ich denke mir: Oh, ist das aber ein schönes Riff – und beginne den Boden zu scannen. Da höre ich ein metallisches Klingen. Unser Dive Guide schlägt mit seinem Riffstab an seine Pressluftflasche, damit wir auf ihn aufmerksam werden und zeigt in eine Richtung. Schräg rechts über mir gleitet ein großer eleganter Schatten vorüber. Wow! Ich denke mir: Was haben wir für ein Glück. Zumindest ein Manta ist hier und ich durfte einen Blick auf ihn erhaschen.

Doch kaum ist er vorübergeschwebt, taucht ein zweiter auf. Ein dritter. Ein vierter. Ich bin glücklich. Versuche behutsam zu atmen, ohne heftige Blubbels zu erzeugen und in der Nähe des Riffs zu bleiben. Die Mantas mit drei bis fünf Metern Spannweite schweben auf uns zu, über uns hinweg, drehen ab und verschwinden wieder. Es ist ein wunderbares Schauspiel, das sich immer und immer wieder wiederholt. Trotzdem kann ich mich daran nicht sattsehen. Mächtige Flügelschläge, einfach und unaufgeregt, treiben sie voran. Die Strömung trägt sie. Voller Eleganz und Anmut lassen sie einen demütig werden.

Über uns dröhnen Schiffsmotoren. Wieder wird eine Ladung Taucher ins Meer hinabgelassen. Es ist ganz schön viel Verkehr hier unten und ich denke mir: Wenn ich ein Manta wäre, wäre ich wohl überall im Ozean, bloß nicht hier. Aber vielleicht gehen die Mantas ja ganz gerne Taucher-Schauen und das hier ist für sie wie eine lustige Freizeitbeschäftigung, wenn sie da zwischen uns ungeschickten Plantschaffen herumtoben können? Vielleicht ist der Mantapoint für sie ja auch sowas wie der Ballermann für die Deutschen. Wer weiß?Unser Dive Guide jedenfalls hat heute einen schweren Tag. Unter Wasser greift er sich immer wieder an den Kopf. Unser Ausflugsorganisator hat uns verraten, dass er am Vorabend mächtig heftig unterwegs gewesen ist. Und heute, ja heute leidet er natürlich ein bisschen.

Eine ganze Stunde sind wir unter Wasser und genießen das Schauspiel. Dann geht es wieder zurück an Bord. Glücklich, ergriffen und ein bisschen ehrfürchtiger als noch eine Stunde zuvor klettere ich wieder an Bord unseres Bootes.

Ein zweiter Tauchgang steht heute auf dem Programm, und noch bevor ich mein Equipment verstauen kann, wirft der Kapitän die Motoren an und wir fahren zum Tauchplatz Pet Nusa Penida. Scheinbar ist unser Kapitän einer der wenigen Menschen hier, die es eilig haben. Macht aber nix.

Die Fahrt ist etwas ruppig. Doch weil es Mittagszeit ist, ist es auch Zeit zum Essen. Als die Zahlenfriseurin, der Aquaman und noch einige andere von uns ihr Lunchpaket auspacken, ist es für meinen Göttergatten Zeit, in unglaublicher Geschwindigkeit das Weite zu suchen bzw. in den freien rückwärtigen Bereich des Bootes zu flüchten. Der Duft des warmen Essens und das ruckelige Fahren sind nichts für seinen diesmal ausnahmsweise empfindlichen Magen. Auch ich lasse das Essen auf dem Tauchboot vorerst aus. Das verkrafte ich gerade nicht. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich das Frühstück bei mir behalte. Mittagessen gibt’s also erst etwas später.

An unserem zweiten Tauchplatz soll ich meinen ersten richtigen Strömungstauchgang machen. Bestens gebrieft tauche ich gemeinsam mit meinem Göttergatten ab zu einem wunderschönen Riff mit einer tollen Unterwasserlandschaft. Und ich bin sogar ein bisschen stolz auf mich, dass ich mit der Strömung so gut zurecht komme (am Ende des Tauchganges muss ich leider hören, dass wir wider Erwarten gar keine Strömung hatten … aber egal). Ein großer Kugelfisch propellert vorbei, viele bunte Doktorfische tummeln sich über dem Riff. Ein Riesendrückerfisch zerbeißt eine Koralle! Holla! Ich denk mir nur: Bleib ja wo du bist und wehe du gehst auf mich los. Wenn ich sehe, wie der Kollege die Korallen zerlegt und zerknackt, grenzt es fast an ein Wunder, dass meine Flossen bei der letzten „Riesendrückerfisch-Attacke“ nicht völlig perforiert wurden.

Ein kleiner Kofferfisch koffert vorbei. Eine riesige Seegurke gurkt vor sich hin. Korallentürme ragen der Sonne entgegen und bilden riesige Felder. Dazwischen reckt eine Muräne ihren Hals heraus. Gegen Ende des Tauchgangs erwartet uns noch ein Highlight: Eine Meeresschildkröte, diesmal ein etwas größeres Exemplar, tummelt sich am Meeresgrund und frisst genüsslich. Apropos: Langsam bekomme auch ich wieder Appetit und freue mich auf mein Lunchpaket. Vollgefüllt mit Reis, Gemüse, Hühnchen und Ei. Brot habe ich hier schon eine ganze Weile keines mehr gegessen.

Während der Rückfahrt ins Hotel ist es verdächtig ruhig im Bus. Die meisten sind erledigt und schlafen oder dösen vor sich hin, während wir an Reisfeldern, Äffchen, Tempeln Marktständen und streunenden Hunden vorüberziehen. Streunende Katzen sieht man hier viel seltener. Apropos Katzen: Ich wusste ja bevor wir hierher kamen gar nicht, dass der sagenumwobene Katzenkaffee hier auf Bali hergestellt wird. Also jener Kaffee aus halbverdauten Kaffeebohnen, die die hier heimischen Fleckenmusangs wieder ausscheiden. Doch dazu später mehr …

Noch am Vortag waren einige aus unserer Truppe bei einem Raftingausflug auf einem Fluss im Inneren der Insel. Wenn man den Erzählungen Glauben schenken darf, war dieser Ausflug doch recht spektakulär. Es war ein spannender Ritt auf den Wellen durch wunderschöne Landschaften mit Wasserfällen und dem einen oder anderen Highlight. So bekam unsere Zahlenfriseurin einmal einen Ast recht ordentlich auf den Helm geknallt und vom Privatbierbrauer in der Hitze des Gefechts auch noch einen Schlag mit dem Paddel. Aber die Frau ist unglaublich hart im Nehmen. Ich denke, der Aquaman war in dieser Situation machtlos und nur Statist. Andererseits sammelte unsere Inselschönheit ihre Erfahrung damit, was es heißt, unter ein Raftingboot zu gelangen. Einige ziemlich übel aussehende Schrammen waren die Folge. Aber auch sie ist hart im Nehmen. Respekt!

Doch halt – das sind ja alles nur Erzählungen. In Wirklichkeit sitzen wir ja noch im Hotelbus und kehren nach unserer Mantaexpedition ins Hotel zurück. Bis alle ihr Equipment und sich selbst gewaschen haben und das Tauchlogbuch geschrieben ist, ist es bereits dunkel. Zeit, um den Geburtstag unseres Übergepäckspezialisten gebührend zu feiern. In dem Gasthaus im Dorf, wo fröhlich musiziert wird, ist schon ein Tisch für uns reserviert. Eigentlich haben wir nur gesagt, dass wir vielleicht vorbei kommen. Aber ein Vielleicht gibt es hier nicht. Wird etwas mit vielleicht angekündigt, ist es fix vereinbart. Es wird also getrunken und geschmaust. Der Übergepäckspezialist bekommt von den Balinesen eine kerzengekrönte undefinierbare Nachspeise und ein Ständchen. Und so klingt ein weiterer wunderbarer Tag im Paradies aus.

Sonnenaufgangsyoga mit dem Mann vom heiligen Berg und ein balinesischer Abend

Heute steht Sonnenaufgangsyoga auf dem Programm. Wieder eine Premiere. Wieder eine neue Erfahrung. Ein Experiment. Eigentlich habe ich mich bisher erfolgreich gegen jegliche Versuche meiner Freundinnen und Bekanntinnen (Yoga machen in meinem Aktionsradius scheinbar nur Frauen) gewehrt, die mich zum Yoga bewegen wollten. Hier auf Bali hat es hingegen nur lapidar geheißen: Wer hat Lust auf Sonnenaufgangsyoga am Strand? Und schon bin ich Feuer und Flamme gewesen. Muss wohl am Vulkan liegen. Bali soll ja so etwas wie das Mekka aller Yogis sein, hab ich mir sagen lassen. Das wusste ich vorher nicht. Genauso wenig wusste ich, dass Yoga hier viel mehr als Achtsamkeitsschulung, Selbsterfahrung und spirituelles Konzept wahrgenommen und praktiziert wird, und weniger als körperliches Workout. Die Stadt Ubud, die auch noch auf unserer Liste steht und im Inneren der Insel liegt, soll ein kleines Mekka für alle Yogis und Yoginis sein.

Ich spaziere also frühmorgens hinunter zum Hotelstrand. Es ist traumhaftes Wetter. Die Sonne ist gerade eben aufgegangen und taucht den Strand in ein tolles Licht. Meine Mityoginis sind schon alle da: die Inselschönheit, die Zahlenfriseurin, das Goldlöckchen, die Seepferdchensucherin und die Staatsmeisterin – sprich alle Frauen aus unserer illustren Runde. Ach übrigens: Unsere Seepferdchensucherin ist endlich fündig geworden. An einem ihrer Bali-Tauchgänge, an dem ich leider nicht dabei war, hat sie ihr heißersehntes Seepferdchen mit Hilfe ihres Dive Guides gesichtet: ein nicht einmal fingernagelgroßes Mini-Ding, ein rosa Pygmäenseepferdchen (schaut euch das Bild bitte genau an :-)), an dem jeder andere wahrscheinlich einfach vorbeigepaddelt wäre. Was für eine freudige Aufregung!

Doch zurück zur Yogastunde. Ich weiß nicht, warum ich mir eingebildet habe, dass wir eine junge, durchtrainierte und sportlich gekleidete Yogalehrerin haben werden, aber ich bin doch etwas erstaunt, als ich unseren Yogalehrer entdecke. Ein braungebrannter schmaler Mensch mit Glatze und Bart, einem strahlenden Lächeln und unverschämt weißen Zähnen. In schwarze Kleidung gewandet (irgendwie hat der Überwurf etwas Mönchartiges) steht er vor uns und erzählt uns zunächst so einiges. Auf Englisch versteht sich. Über die Yogaschule, die weiter im Inneren der Insel und am heiligen Berg Gunung Agung liegt, über seinen Yogameister, über Yoga, davon, dass wir uns annehmen sollen, wie wir sind, dass wir unsere Probleme vergessen sollen, dass Yoga nicht nur für den Körper, sondern vor allem für die Seele, für den Geist eine Wohltat ist. Mit einem Ritual beginnen wir. Einfache entspannende, dehnende Übungen folgen.

Alles ist ruhig. Nur die Meeresbrandung, ein paar gurrende Tauben und leise klirrendes Frühstücksgeschirr sind zu hören. Und die unaufgeregte Stimme unseres Yogalehrers, dessen Körper fast vollständig tätowiert zu sein scheint. Das Tattoo auf dem kahlrasierten Schädel erinnert mich an die Legende von Aang, an das Tattoo des Avatars. Bestimmt kein Zufall. Doch ich frage nicht nach. Schließlich soll ich mich ja auf mich selbst konzentrieren. Das fällt mir relativ leicht. Die Übungen sind für uns einfach gewählt. Einige kenne ich vom Pilates. Einige sind neu. Alle haben ihre Wirkung. Gegen Ende der Stunde entspannen wir uns nochmal und schließen die Augen. Unser Lehrer schlägt ab und zu an eine Klangschale und geht mit uns im Geiste alle Körperteile und Organe durch. Es folgt ein Abschlussritual. Hände falten und zum Herzen führen (für gute Gefühle), zum Mund führen (für gute Worte), zur Stirn führen (für gute Gedanken), die Hände leicht öffnen (für gute Taten) und danach nochmals zum Herzen führen.

Unglaublich! 90 Minuten sind vergangen wie im Flug. Körperlich und geistig gestärkt geht es zum Frühstück. Dass unsere Männer uns die ganze Zeit über von der Frühstücksterrasse aus beobachtet, gefilmt und fotografiert haben, ist uns bzw. mir interessanterweise völlig egal. Spannend finde ich auch, dass unser Yogalehrer, während wir uns mit geschlossenen Augen total entspannt haben und er in ruhigen Worten mit uns gesprochen hat, auf dem Kopf gestanden haben soll. Das zumindest hat mir mein Göttergatte im Nachhinein erzählt. Vielleicht sollte ich mich öfters zu einer Yogaeinheit zurückziehen. Das schafft eine gewisse Gelassenheit. Dieser Morgen scheint jedenfalls perfekt – und als am Horizont dann auch noch Delfine auftauchen, weiß ich: Er ist es.

Später kommen wir in den Genuss eines balinesischen Abends. Die Küche tischt auf, was sie zu bieten hat. Es gibt Thunfisch (das ganze Tier haben wir am Morgen noch in einer Schubkarre liegen sehen), Nasi Goreng (das übliche gebratene Reisgericht mit Gemüse und Hühnchen), Mie Goreng (gebratene Nudeln) Tempeh (ein gebratenes Gericht aus fermentierten Sojabohnen, das mir ziemlich gut schmeckt), Sate (Fleischspießchen in einer Variante mit Erdnusssauce) und allerhand mehr. Wir schlagen uns ordentlich den Bauch voll und warten schon gespannt auf die Tanzaufführung.

Endlich ist es so weit: Stark geschminkte junge Mädchen mit goldenem Kopfschmuck und prächtigen Gewändern betreten den Sandstrand. Der Tanz beginnt. Jede der Tänzerinnen hat ihr eigenes Solo. Ihren eigenen Tanz. Die Bewegungen sind klein, kontrolliert und langsam. Praktisch jeder Körperteil wird isoliert bewegt. Sogar die mit starkem Schwarz umrahmten Augen tanzen mit. Schnell geht der Blick von rechts nach links, von links nach rechts. Jede einzelne Fingerbewegung hat eine eigene Bedeutung. Eine Darbietung dieser Art habe ich noch nie gesehen. Ich finde es toll. Man erzählt uns, dass die Kinder, die zu Tänzerinnen ausgebildet werden, praktisch ihr ganzes Leben lang darauf hin getrimmt werden, diese Bewegungen in Perfektion zu beherrschen. Beeindruckend ist, dass „unsere“ Tänzerinnen durch ihr Auftrittskostüm von weitem aussehen, wie junge Frauen. In Wirklichkeit sind sie aber erst um die zwölf, dreizehn Jahre alt. So kann man sich täuschen.

Der Aufbruch nach Süden mit kulturellen und religiösen Einblicken

Langsam geht die Zeit in Tulamben dem Ende zu. Einen Tag lang gibt es für mich jetzt also kein Tauchen. Das Equipment muss trocknen. Ich verbringe meine Zeit auf dem Balkon, am Pool und an der Hotelbar. Ein Bali-Coffee zwischendurch darf natürlich nicht fehlen. Mit Blick auf das Meer lese ich zum ersten Mal den Reiseführer, den ich mir von der Seepferdchensucherin ausgeborgt habe, aufmerksam durch. Nur den allgemeinen Teil. Zur Gesellschaft, zum Leben und Treiben auf Bali. Vieles, was ich lesen darf, kommt mir mittlerweile sehr bekannt vor. Jetzt, wo wir kurz davor stehen, den Rest der Insel abseits des Tauchens zu erkunden, fühlt es sich zwar richtig, aber fast ein bisschen zu spät dafür an. In Wirklichkeit ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür. Jetzt habe ich Ruhe und Muße. Jetzt bin ich entspannt. Jetzt bin ich offen für wiederum Neues.

Vieles lese ich. Von der obersten Gottheit Sanghyang Widhi, die die Verkörperung der drei Hauptgottheiten Brahma, Wishnu und Shiva ist. Von Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, der mir schon an so vielen Orten hier auf der Insel begegnet ist. Er ist der Beschützer. Ein guter Gott. Neben gefühlten 100 anderen Funktionen ist er auch der „Schutzpatron“ der Literaturschaffenden und Schreiber. Meine große Sympathie für ihn hat also einen tiefen Sinn.

Auf Bali, lese ich weiter, mischen sich alte Geisterkulte mit dem Hinduismus. Demnach ist auch der große Vulkan, der Gunung Agung, der Sitz der Götter. Die heiligen Männer wohnen also im Landesinneren, in der Nähe der Götter. Auch Dämonen gibt es zuhauf. Ihr Sitz soll das Meer sein. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die hier lebenden Dämonen wohl reichlich böse, aber auch reichlich unzulänglich und mit allerlei Schwächen gesegnet sind. So können sie beispielsweise nur geradeaus fliegen/gehen/eilen/schreiten (ich weiß echt nicht, wie sich Dämonen fortbewegen) – weshalb einem oft direkt nach den Eingangstoren in einen Garten oder einen Hof eine Mauer den direkten Weg versperrt. Als normaler Sterblicher geht man einfach um die Mauer herum, die Dämonen allerdings klatschen knallhart dagegen. Was für eine wunderbare Abwehrmaßnahme. Und was für ein Glück, dass derart einfach gestrickte „bauliche Maßnahmen“ solch eine beeindruckende Wirkung haben.

Trotzdem gibt man sich damit allein nicht zufrieden. Man versucht Götter und Dämonen gleichermaßen gnädig zu stimmen. Und dafür gibt es jede Menge Rituale. Überhaupt scheint sich auf Bali der Alltag der Einheimischen rund um diese Zeremonien zu drehen. Schon früh morgens werden Zeremonienschälchen gebastelt, mit allerhand Gaben gefüllt (von Blumen über Reisgerichte bis hin zu Süßigkeiten) und Räucherstäbchen angezündet und im hauseigenen Tempel dargebracht.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Bali als Insel der tausend Tempel bezeichnet wird, denn neben den großen öffentlichen Tempeln hat praktisch jeder Haushalt seinen eigenen kleinen Tempel oder eine Tempelsäule (falls man das so bezeichnen darf). Wobei ein balinesischer Tempel im Grunde ein ummauertes Gelände ist, das durch ein gespaltenes Tor mit Wächterfiguren betreten werden kann. Darin befinden sich dann die heiligen Schreine, soweit ich mir das erzählen hab lassen. Zu denen haben Touristen dann allerdings keinen Zutritt. Außerdem ist es verboten, das Tempelgelände mit einer blutenden Wunde zu betreten. Das verunreinigt nämlich den Tempel – und er muss danach in einer überbordenden Zeremonie wieder gereinigt werden. Und das kostet, meine Lieben, das kostet. Angeblich bis zu 30.000 Euro. Einen der sechs Haupttempel auf Bali werden wir in den nächsten Tagen noch besuchen. Hoffen wir mal, dass bis dahin sämtliche Schrammen wieder verheilt sind.

Auch bei uns im Hotel gibt es die eine oder andere Tempelsäule, an der festlich gekleidete Mitarbeiterinnen Schälchen niederlegen. Diese Schälchen finden wir aber auch außerhalb des Resorts. Praktisch immer und überall. Bei Tempeln, Hauseingängen oder einfach auf dem Gehsteig liegend. Man muss echt aufpassen, um nicht auf eines der Schälchen zu treten. Das sollte man nämlich tunlichst vermeiden.

Die Zeremonien auf Bali haben übrigens eine solche Wichtigkeit, dass sich auch das Arbeitsleben nach ihnen zu richten hat. Ist ein besonderer Zeremonientag, ist es selbstverständlich, dass man frei bekommt. So kann es schon mal passieren, dass die halbe Belegschaft einer Firma mal für einen Tag ausfällt. Das gehört einfach dazu. Und das stört scheinbar auch niemanden.

Den letzten Abend in Tulamben lassen wir in einem Warung ausklingen, bei Nasi Goreng und Co. Dann wird gepackt und am nächsten Morgen nach dem Frühstück beginnt der Verabschiedungsmarathon. Viele freundliche Gesichter, die besten Wünsche für unterwegs und einen schönen weiteren Reiseverlauf begleiten uns.

Zwei aus unserer Runde, der Übergepäckspezialist und der Privatbierbrauer, haben spontan beschlossen, ihren Tauchaufenthalt zu verlängern. Sie bleiben also noch ein paar Tage hier und treffen uns dann am Vortag der Abreise. Wir anderen steigen in die Hotelbusse und machen uns auf den Weg nach Jimbaran, in den Süden, wo wir die nächsten Tage verbringen werden. Wir wollen uns schließlich noch ein bisschen mehr von der Insel ansehen, Kultur tanken und uns mit der Lebensweise der Balinesen vertraut machen.

Von Wasserpalästen, Prinzessinnenkleidern und einem Festmahl am weißen Sandstrand

Auf dem Weg nach Jimbaran machen wir unseren ersten kulturellen Zwischenstopp. Der Wasserpalast Taman Tirta Gangga zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Und bei den üblichen 30 Grad Lufttemperatur betreten wir eine wunderschön gepflegte Palastanlage. Früher einmal als Garten für die Herrscherfamilie angelegt, ist der Wasserpalast heute ein gut besuchter Anziehungspunkt für Touristen. Tatsächlich kann man hier auch baden, um ein paar Tausend Rupien extra. Allerdings finde ich es irgendwie unpassend, hier herumzuplanschen. Das würde mir im Traum nicht einfallen. Den Balinesen schon – für die ist es ganz normal. Und hätten wir ein bisschen mehr Zeit, würde sich bestimmt auch mein Göttergatte mit Freude ins kühle Nass stürzen.

Große Bassins in allen Formen gibt es hier. Springbrunnen, Wasserspiele, Wasserpflanzen. Ein Pfad aus Steinen, die aus dem Wasser ragen, schlängelt sich durch ein großes Bassin. Auf ihm bewegen sich viele „Bule“, wie die Balinesen uns Touristen nennen – unsicher, schwankend, balancierend, sich aneinander vorsichtig vorbeischiebend treten sie von Stein zu Stein, stets versuchend, nicht ins Wasser zu fallen. Unten im Wasser tummeln sich Kois in allen Größen. Wer sie füttern will, kann sich beim Eingang eine Tüte mit Fischfutter besorgen. Dass die Fische große Futtermengen gewohnt sind, lässt sich schwer verbergen. Unablässig öffnen sie ihre Mäuler und recken sie den Besuchern entgegen: Fütter mich! Und die lieben Touristen füttern sie.

Ein angenehmes Lüftchen zieht durch den Palast, der genau genommen eigentlich mehr ein Garten als ein Palast ist. Wir schlendern über drachengesäumte Brücken, an wasserspeienden Ebern vorbei, über moosbewachsene Stufen, zwischen klaren Wassern und üppigem Grün hindurch. Es ist leicht, sich vorzustellen, dass sich die Herrscherfamilie hier wohlgefühlt hat. Mit einem Blick vom leicht erhöhten Aussichtspunkt erfasst man den ganzen Garten in seiner vollen Pracht. Mit ein bisschen Fantasie kann man dann die Touristen wegknipsen und den Alltagslärm ausschalten. Was bleibt ist Idylle, Stille, Wassergeplätscher, Vogelgezwitscher, vorbeigaukelnde Schmetterlinge aller Farben, summende Libellen. Der Garten ist ein Quell echter Freude.

Weiter geht die Fahrt nach Jimbaran, wo wir nach ca. drei Stunden Gesamtfahrtzeit ankommen. Um die Mittagszeit checken wir im Hotel ein und machen es uns gemütlich. Wir sind nun nicht mehr auf dem Land bzw. am Meer, sondern mitten in der Stadt, nur ca. 10 bis 20 Fahrminuten vom Flughafen Denpasar entfernt.

Mein Göttergatte und ich erkunden zunächst die Gegend rund um das Hotel. Wirklich viel Spannendes gibt es hier nicht zu entdecken. Ein paar kaputte Kanaldeckel, eine KFZ-Werkstätte, viele Imbissbuden (die größtenteils nicht sehr vertrauenerweckend aussehen), einige Supermärkte, ein paar Geschäfte, keine Aufregung. Wir spazieren ein paar hundert Meter, vorbei an einem Krematorium, vorbei an einem großen schwarzen pyramidenähnlichen Turm, auf dem offensichtlich viele Pärchen ihre Hochzeitsfotos machen lassen. Das Bauwerk ist praktisch übersäht mit weißen Punkten, weißen Prinzessinnenbrautkleidern.

Unser Goldlöckchen erzählt uns, dass diese Fotos vor der eigentlichen Hochzeit geknipst werden – für die Einladungen zu selbiger. Die meisten Frauen müssen nämlich in der heimischen traditionellen Tracht heiraten, die ich übrigens sehr hübsch finde (unser Taxifahrer hat uns später sein Hochzeitsfoto gezeigt), und wollen zumindest einmal im Leben ein weißes Hochzeitskleid tragen und „Prinzessin für einen Tag“ sein. So borgt man sich eben ein weißes Kleid aus und schreitet zum Fotoshooting.

Wir allerdings schreiten in den nächsten Supermarkt. Die meisten Produkte hier sind gut in Plastik verpackt – wie bei uns eben. Bis auf die Früchte: Pink leuchtende Drachenfrüchte (die schmecken super), stachelinge Stinkfrüchte (die hab ich leider nicht probiert), Orangen, Limetten und noch viel mehr liegen hier fein säuberlich drapiert. Wir sehen uns um und inspizieren neugierig die Regale. Einiges kommt uns doch recht bekannt vor. Bartolli-Öle gibt es, aber auch Kit-Kat, Coca Cola, Oreo-Kekse und Lorenz-Chips. Erdnüsse gibt es in allen erdenklichen Varianten. Auch die Gewürzsaucen, die wir in den Warungs in Tulamben auf den Tischen fanden, sind hier in den Regalen vertreten. Eine Flasche Wasser, ein paar Kekse und zwei Packungen Chips nehmen wir mit.

Am Abend machen wir mit der versammelten Mannschaft einen Ausflug zum Strand in Jimbaran. Die Strände im Süden der Insel sind übrigens strahlend weiß, ganz im Gegensatz zu den schwarzen Vulkangesteinsstränden im Norden. Hier hat Goldlöckchens indonesische Freundin einen Tisch für uns reserviert. Die Sandalen fliegen in hohem Bogen und wir sitzen mit bloßen Füßen bei Tisch, strecken selbige in den feinen Sand, trinken aus grünen Kokosnüssen (die definitiv nicht mein Fall sind, aber kosten muss man die einfach) und warten auf die Dinge, die da kommen. Gegrillte Brasse, Red Snapper und Shrimps kommen auf den Tisch, dazu Reis und Meeresspinat. Was für ein Schmaus!

Noch kurz zuvor hat eine kleine von unserem Küchenlegionär angeführte Abordnung die lieben Tierchen aus der Kühlvitrine ausgesucht. Sie sind frisch vom Fang des Tages. Unsere Zahlenfriseurin verputzt ein Dutzend Austern. Nur der Faserplattenschmeichler und die Staatsmeisterin können sich nicht für die feinen Meeresfrüchte erwärmen. Aber wozu gibt es denn Nasi Goreng! Es ist ein herrliches Festmahl, das wir bei rotgefärbtem Abendhimmel genießen.

Teelichter tanzen auf unserem Tisch. Am Strand weiter unten sieht man Verkäufer mit kitschig leuchtenden Haarreifen, Katzenohren und Flugspielsachen. Maiskolbenbrater bieten ihre Ware feil. Die allseits gegenwärtigen Tücher-, Souvenir-, Sonnenbrillen- und Armbandverkäufer ziehen ihre Runden. Hoch oben am Himmel fliegen die großen Flugzeuge praktisch im Minutentakt in die Einflugschneise des Flughafens. Ein Feuerwerk leuchtet in der Ferne. Ein weiterer Urlaubstag voller neuer Eindrücke geht zu Ende.

Sightseeing mit Silberschmiede, Katzen-Kack-Kaffee, Vulkan-Wolkenbruch, Affenwald und noch so allerhand

Am nächsten Morgen geht es wieder um 8:30 Uhr los. Unser Taxifahrer wird uns einen ganzen Tag lang mit dem Kleinbus quer über die Insel karren und uns so einiges zeigen. Was genau, wissen wir noch nicht. Nur ungefähr erahnen wir, was uns erwartet: eine Künstlerstadt, Reisterrassen, ein Affenwald. Wir sind gespannt.

Den Anfang unserer großen Tour machen wir bei einer Silberschmiede in Sukawati (das hab ich mir nur gemerkt, weil es wie Zuckerwatte klingt). Im Kellergeschoß arbeiten die Silberschmiede in zwei großen Räumen mit zahlreichen Werkbänken. Jeder Arbeitsplatz hat seine eigene Extralampe. Jeder hat sein eigenes Werkzeug. Heute ist allerdings nur eine Handvoll Silberschmiede hier. Der Rest ist, wie uns unsere Führerin erzählt, bei einer gesellschaftlich-religiösen Zeremonie. Es muss wohl eine sehr wichtige Zeremonie sein, denn ca. 80 % der Arbeitsplätze bleiben heute leer.

Eigentlich unterscheidet sich das Arbeiten hier nicht besonders von unseren Gold- und Silberschmieden zu Hause. Wir sehen zu, wie Ringe entstehen, Anhänger mit dicken Steinen besetzt werden, Armbänder poliert werden. Anschließend werden wir zum großen Holzportal geführt, das den Eingang zur Haupthalle darstellt. Weißgoldene Statuen von europäisch anmutenden Frauen säumen den Weg dorthin.

Als die Führerin das silbergefasste Tor öffnet, gibt sie den Weg in eine Welt aus Glas, Glitzer und Geschmeide frei. Eine überwältigende Fülle an verkaufstüchtig auf Glasständern platzierten Silberschmuckstücken glänzt uns entgegen. Viele schöne Stücke sind dabei, doch mich springen nicht viele davon an. Ohrringe mit aquamarinblauen Steinen, dezent und einfach, die passen zu mir. Die schenkt mir mein Göttergatte (er verdient dieses Synonym wirklich). Ich freue mich total und lege sie gleich an.

Den nächsten Stopp machen wir überraschenderweise im Herzen der Insel, bei einer der vielen Kaffeeplantagen, die den vielgerühmten und zur Delikatesse hoch stilisierten Luwak-Kaffee produzieren. Ich nenne ihn Katzen-Kack-Kaffee, weil die frischen Kaffeekirschen von den hier lebenden Fleckenmusangs (die zwar keine Katzen sind, aber was soll’s) gefressen werden. Die unverdaulichen Kaffeebohnen werden dann anschließend ausgeschieden. Aus den Ausscheidungen wäscht man dann die Bohnen aus und macht Kaffee draus. So weit, so grauslich. Wir erfahren so einiges über männliche (ganze) und weibliche (in zwei Hälften gespaltene und bei uns übliche) Kaffeebohnen, lassen uns den „Produktions-“, sprich Fress-, Kack- und Weiterverarbeitungsprozess des Kaffees erklären und nehmen auf einer weitläufigen Aussichtsterrasse Platz, von der aus wir ins tiefe Grün des Regenwaldes blicken.

Man serviert uns Kostproben der verschiedensten Tees und Kaffees und wir bestellen –eh klar – auch einen Katzen-Kack-Kaffee dazu. Einen männlichen und einen weiblichen. Diese werden mit reichlichem Zeremoniell und in mokkamaschinenartigen Apparaten direkt auf unserem Tisch zubereitet. Als ich einen Schluck koste, staune ich: Er schmeckt nach Kaffee. Und ich finde beide, Männlein wie Weiblein gar nicht so besonders. Allerdings bin ich vom offerierten Lemongrastee absolut begeistert. Im Shop packe ich also zwei Packungen davon ein – und ein paar Riegel der handgeschöpften Schokolade dazu. Die schmeckt nämlich grandios.

Heute kratzt mein Hals wieder etwas mehr. Die Klimaanlage im Hotel reizt und auch der Rauch, den es hier auf der Insel praktisch überall gibt (vom Mistverheizen über das Grillen über Kokosschalen bis hin zum Rösten des Kaffees über offenem Feuer) setzt mir etwas zu. Ich hoffe, es wird nicht schlimmer.

Das Thema Vulkan und Vulkanwanderung habe ich gedanklich schon komplett abgeschrieben, doch heute werde ich den Gunung Batur (einen der kleineren Vulkane der Insel) doch noch aus der Nähe betrachten können. Nach unserer Kaffeepause beschließen wir nämlich spontan, unser Mittagessen mit Aussicht auf den Vulkan einzunehmen. Die Fahrt dorthin dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Blöderweise verschlechtert sich das Wetter zusehends und die ersten dicken Regentropfen klatschen auf die Windschutzscheibe, als wir an unserem Aussichtspunkt ankommen. Unser Taxifahrer mahnt uns zur Eile und schickt uns auf die Aussichtsplattform im obersten Stock, damit wir noch vor dem großen Unwetter einen Blick auf den Vulkan und auf den Kratersee Danau Batur, der ihm zu Füßen liegt, erhaschen können. Recht hat er. Keine Minute zu früh erreichen wir die Plattform.

Vor uns liegt das grüne Tal. Nur die Abhänge des Vulkankegels sind schwarz. Lavagestein überall. Die Gewitterwolken liegen drohend über dem Berg. Bei genauerem Hinsehen sehe ich hier und da weiße Rauchfähnchen aufsteigen. Die Erde lebt. Im Inneren des Vulkans scheint es zu brodeln. Auch wenn der Gunung Batur mit seinen ca. 1.700 Metern nur der kleine Bruder des Gunung Agung ist, ist er eine imposante Erscheinung. Ein paar Minuten sind uns noch vergönnt, dann ziehen die Wolken komplett zu und hüllen uns ein.

Ein sagenhafter Wolkenbruch folgt. Eigentlich wollten wir auf der Terrasse essen, wir ziehen es aber vor, im geschützten Innenbereich Platz zu nehmen. Zu kalt ist es – ausnahmsweise – draußen. Bei einem Blick zurück zum Vulkan sehe ich schlicht und ergreifend gar nichts mehr. Alles ist weiß. Eine undurchdringliche Wolkenwand, die exakt beim Terrassengeländer beginnt, nimmt uns die Sicht. Gut, sage ich mir, dann widme ich mich eben dem Buffet und einem feinen Mittagessen.

Als der Regen nachlässt, steigen wir wieder ins Taxi. An grünen Reisterrassen vorüber geht es durch Dick und Dünn. Manchmal frage ich mich, wie dieser Kleinbus da überall durchfädeln kann. Nur ein einziges Mal streifen wir mit dem Trittbrett an der linken Busseite einen Stein, was ein ordentliches Rumpeln verursacht. Ein weiteres Mal scheint der Bus eine Anhöhe nicht zu schaffen. Ein Trugschluss. Alles im grünen Bereich. Wie immer auf der grünen Insel.

Weiter geht die Fahrt zum Monkey Forest, einem heiligen Wald mit Statuen, Wasserspielen, Brücken, Schluchten, Tempeln und allerlei Naturschauspielen, in dem über 300 Makaken (meerkatzenverwandte Altweltaffen) leben. Noch im Auto erzählt unsere Inselschönheit, dass sie sich schon als Kind immer ein Affenbaby gewünscht hat. So zum Wickeln und Knuddeln und Liebhaben. Wir mutmaßen, dass ihre Affenliebe vielleicht doch etwas mit der Partnerwahl zu tun gehabt hat. Der Faserplattenschmeichler grinst.

Die Hinweise beim Eingang des Monkey Forest sind eindeutig: Alles einstecken, was nicht niet- und nagelfest ist, Brillen und Schmuck wegpacken. Nichts essen oder trinken. Keine Plastiksäcke oder offenen Taschen. Den Affen nicht in die Augen schauen. So weit so gut. Mit gelösten Tickets, geschlossenen Taschen und gezückten Fotoapparaten bewaffnet betreten wir das Gelände. Und treffen auch gleich auf den ersten Affen.

Behände springt er auf den Rucksack meines Vordermannes. Weil er aber nichts Interessantes zu fassen bekommt und alle Zips geschlossen sind, lässt er wieder von ihm ab. Als Attraktion machen hier aber nicht nur die Affen gute Figur. Auch die riesigen Bäume (115 Baumarten soll es hier geben) sind mehr als beeindruckend. Dazwischen stehen moosbewachsene Statuen. Eine Schlucht, in der ein munteres Wasser fließt und in der die Schwüle so drückend ist, dass einem der Schweiß permanent auf der Stirn steht und das Atmen schwer fällt, tut sich vor uns auf. Dazwischen: Affen, Menschen, Affen, Menschen. In friedlicher Koexistenz. Mehr oder weniger.

Da: Einer der Affen hat fette Beute gemacht. Interessiert kaut er an einem Kamerareinigungspinsel herum, den er einem Besucher stibitzt hat. Kleine Babyäffchen saugen an der Mutterbrust, Halbwüchsige Äffchen turnen an den Ästen und necken sich gegenseitig, ein Silberrücken gähnt fadisiert und zeigt seine beachtlichen Beißer. Nein, mit denen möchte ich lieber keine Bekanntschaft machen.

Am Ende unserer Tour nähern wir uns dem Ausgang, der gleichzeitig auch der Eingang ist und treffen auf einen Strom von Neuankömmlingen. Ein Besucher hält ein Plastiksackerl und einen Becher mit einer klebrigen rosa Flüssigkeit in der Hand. Die Farbe erkenne ich allerdings erst, als der junge Mann von einem übermütigen Affen angefallen wird, ihm dieser den Becher entwendet und dessen Inhalt auf den Boden gießt. Blitzschnell ist die Makakenattacke auch schon wieder vorbei und alles geht seinen gewohnten Gang. Business as usual. Wir verabschieden uns vom Affenwald und setzen unsere Tour fort. Die nächste und letzte Station des Tages ist die Stadt Ubud.

Es ist schade, dass es bereits Abend wird. Ubud hätte weitaus mehr von meiner Aufmerksamkeit verdient, als es mir der kurze Aufenthalt von einer Stunde erlaubt. Die kleinen Geschäfte neben der Straße sehen einladend aus. Ein Fotostudio mit Kunstfotografien, ein Laden mit handgeschnitzten Kunstwerken aus Holz, Bilder und Malereien ziehen im 30-km/h-Tempo vorüber, als wir mit dem Kleinbus in die Künstlerstadt einreiten. Wir bleiben zentral stehen und steigen aus. Zuerst genehmigen wir uns ein Schleckeis in Kugelform. Eisdielen sind hier rar gesät. Kostet eine Kugel frisches Speiseeis doch ungefähr gleich viel wie bei uns zu Hause. Hält man sich dann vor Augen, dass das Preisniveau auf Bali ungefähr zehnmal günstiger ist, wird klar, dass unsere Eisschleckerei hier eine recht dekadente Angelegenheit ist. Zu Hause würde es mir im Leben nicht einfallen, eine Kugel Eis um grobgeschätzte 20 Euro zu kaufen. Nicht einmal, wenn sie vergoldet ist. Aber sei’s drum. Wir lassen uns das Eis schmecken (der Göttergatte verputzt gleich eine zweite Portion) und schlendern dann zum Markt.

Goldlöckchens indonesische Freundin, die uns begleitet, seit wir im Süden der Insel angekommen sind, gibt uns dafür ein paar gute Tipps: Berühre nichts, was du nicht wirklich kaufen willst und handle gut, denn alles, was hier angeboten wird, ist hoffnungslos überteuert. Das Handeln gehört zum guten Ton. Na gut, da kenn ich mich aus. Ich erstehe in einem recht abgelegenen Martktstand (mein Göttergatte und ich dringen bis in die hintersten Gassen vor) einen Fächer – Rufpreis 50.000 Rupien. Gut, denk ich mir, das sind ungefähr 3,50 Euro, dann sagst mal die Hälfte und gut is. Ich handle die gute Frau also auf 25.000 Rupien runter und ziehe mit meinem feschen Fächer ohne schlechtes Gewissen von dannen. Weil ich mir sicher bin, dass das gute Stück in einem normalen Geschäft nochmal günstiger zu haben ist (diese Annahme sollte sich am darauffolgenden Tag bestätigen).

Ab sofort fächle ich mich also durch den Tag, auch wenn der Griff des Teils etwas klebrig ist, was wohl den hohen Temperaturen geschuldet ist (wieder zu Hause bei feinen 23 Grad Lufttemperatur klebt das Ding nämlich überhaupt nicht mehr – aber das nur so nebenbei). Auf dem Markt gibt es so einiges, doch irgendwie will mir nichts so gut gefallen, dass ich es mitnehmen möchte. Stände mit Tüchern und Kleidern gibt es zuhauf, dazwischen hölzerne Flaschenöffner in Penisform in verschiedenen Größen und Farben. Die sind mir schon vom Taxi aus aufgefallen. Es scheint sie hier überall zu geben. Ich frage mich aber, wem um Himmels Willen man sowas mitbringen bzw. schenken soll. Die Antwort ist denkbar einfach: einer Frau, der man Kinder wünscht. Als ob ein Holzpenis mit Flaschenöffnungsfunktion dabei helfen würde. Ich muss schmunzeln uns lasse die Penisse links liegen, stehen, hängen oder – naja, lassen wir das.

Es gibt Getränkeuntersetzer in x-fachen Designs und Ausführungen, geflochtene Korbtaschen, Gewürze, Bilder, Holzkatzen, Minisurfboards, Kühlschrankmagneten – die ganze Palette. Dinge, die die Welt nicht braucht. Das illustre Treiben auf dem Markt ist schon sehenswürdig, doch im Nachhinein tut es mir leid, dass ich den kleinen Läden mit echtem Kunsthandwerk, die ich beim In-die-Stadt-fahren gesehen habe, keinen Besuch mehr abstatten kann. Ich denke, dass ich hier mit Sicherheit fündig geworden wäre. Doch die Zeit läuft – und auch wenn hier auf Bali die Uhren etwas langsamer zu ticken scheinen, laufen wir mit.

Von Geldangelegenheiten, Wellenreitern, Tempeln an Steilklippen, glücklichen Kühen und Frankfurtern mit Kren

Tags darauf holt uns unser Taxifahrer wieder ab. Diesmal besuchen wir so etwas wie einen Souvenir-Großmarkt. Hier findet sich im Grunde alles wieder, was wir auch gestern auf dem Markt gesehen haben (ein Fächer wie meiner kostet übrigens heiße 10.000 Rupien, was ungefähr 0,6 Euro sind), und noch viel mehr. Wir kaufen Seife und Badesalze und ich finde ein kleines Bild von Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott, das ich ins Esszimmer hängen möchte. Alles zusammen kostet uns 227.000 Rupien – also knappe 15 Euro – ein so kleiner Betrag, den man nicht mal hier mit Kreditkarte bezahlen kann. Also geht es zu einem der Bankomaten vor dem Geschäft (da stehen gleich vier zur Auswahl). Mit denen habe ich hier übrigens schon so meine Erfahrungen gemacht. Einmal bekam ich nach Eingabe des Pins genau gar kein Geld, dafür aber Gott sei Dank die Karte zurück. Einmal bekam ich nach Eingabe des Pins genau einen kohlrabenschwarzen Bildschirm angezeigt, der mein Herz für einen kurzen Moment etwas höher schlagen ließ. Nach einigen Sekunden zeigte er dann aber doch die Frage an, ob ich denn die Transaktion abbrechen möchte. Scheinbar war nur die Anzeige defekt. Geld bekam ich trotzdem keines. Die anderen Male allerdings funktionierten die Automaten tadellos. Wie auch jetzt.

Den Rest des Tages wollen wir am weißen Sandstrand in Kuta verbringen, wo uns unser Taxifahrer aussteigen lässt. Gemeinsam mit der Staatsmeisterin, dem Küchenlegionär und meinem Göttergatten ziehen wir los. Ein Einkaufszentrum liegt zu unserer Rechten, der Strand zu unserer Linken. Von einem sehr menschlichen Drang nach Erleichterung getrieben, streben wir zunächst nach rechts und passieren den Sicherheitscheck, um das Einkaufszentrum betreten zu dürfen. Hier finden wir neben der heißbegehrten Toilette auch bekannte Marken wie Nautica, Victoria Secret und Swarowski. Hier ist alles ein bisschen exklusiver und teurer – daher wohl auch der Sicherheitscheck.

Und wenn wir schon mal hier sind, schauen wir uns auch in den Geschäften kurz um. Der Küchenlegionär und mein Göttergatte kleiden sich im Partnerlook ein, mit beigefarbenen Shorts und roten Poloshirts (Slim Fit für den einen, Classic Fit für den anderen). Ich probiere ein Kleid an, das an der Stange super aussieht, an mir allerdings wie ein unförmiger Sack hängt. Ich verzichte. Einen Shop weiter kaufe ich mir dann aber doch einen Sommerpulli. Nur die Staatsmeisterin wird nicht fündig. Leider, leider.

Nach ein paar Flanierminuten und mit zugeklebten Einkaufstaschen (scheinbar haben alle außer uns Angst, dass uns etwas geklaut wird) spazieren wir zum Strand hinunter, wo wir gleich von Strandverkäufern und Surflehrern überschwänglich begrüßt werden. An diesem Strand gibt es nämlich eine recht gemächliche Brandung, die wie dafür geschaffen ist, die ersten Versuche im Wellenreiten zu machen.

In der ersten Reihe stehen Mietliegen bereit, in der zweiten Reihe Plastikstühle mit Blick aufs Meer. Es ist nicht allzu viel los. Man merkt, dass Vorsaison ist. Während der Küchenlegionär und der Göttergatte einigen Surfschülern zusehen, steuern die Staatsmeisterin und ich ein paar blaue Plastikstühle an, die neu und vertrauenswürdig aussehen. Die Sonne strahlt vom Himmel. Wir setzen uns und genehmigen uns ein herrlich kühles Bier und einen ebenso kühlen Radler. Ja, die balinesischen Bierbrauer von Bintang haben hier ihre abgefüllten Radler tatsächlich Bintang-Radler getauft. Steht auf dem Etikett. Finde ich irgendwie lustig. Schmeckt auch echt gut. Äußerst praktisch finde ich die Flaschenhalterungen aus Neopren. Auf denen steht Punky Bar. Na bitte. Da sind wir also.

Die Füße in den weißen Sand gestreckt und unter dem Sonnenschirm sitzend beobachten wir die Leute bei ihren ersten Wellenreitversuchen. Inzwischen haben sich der Göttergatte und der Küchenlegionär zu uns gesellt und führen lose Reden. Schön ist es.

Auch die beiden Jungs von unserer Punky Bar bekommen Surfkundschaft. Scheinbar sind die beiden Berufsbilder Barmann und Surflehrer sehr gut kombinierbar. Ein vermutlich chinesisches Pärchen mittleren Alters (ja, gut, sie sind zirka gleich alt wie wir) will sich erstmals auf die Bretter stellen. Zuerst gibt es für sie ein Trockentraining. Er, leicht untersetzt, aber bester Laune, stellt sich unerwartet geschickt an. Sie, schlank und blass, eifert ihm nach. Noch an Land machen sie einige Übungen. Es wird gescherzt und gelacht. Dann geht es ins kühle Nass.

Von unserem bierfreundlichen Beobachtungsposten unter dem Sonnenschirm aus sehen wir ihnen bei ihren ersten „Gehversuchen“ im Wasser zu. Auch wenn die Sache nicht ganz einfach zu sein scheint, macht sie den beiden sichtlich viel Spaß. Die Surferjungs sind auch im Wasser mit dabei, helfen und geben gute Tipps – und langsam, ganz langsam gelingt‘s. Wir faulen am Strand sitzenden Bier- und Radlertrinker freuen uns mit und applaudieren. Was für ein gemütlicher lazy afternoon.

Am Abend verziehen sich die meisten von uns in ein nobles Spa und zu einer weiteren Bali-Massage. Ich passe. Auch beim Abendessen. Nach eineinhalb Wochen auf der Insel freue ich mich – ja, ich gebe es zu – schon wieder auf eine ordentliche Portion Erdäpfel mit Butter und einen grünen Salat mit Kernöl. Aber wahrscheinlich ginge es mir in Österreich nach derselben Zeit Wirtshausküche nicht anders.

Wie dankbar war ich zu Mittag für die ordentliche Portion Sushi, Sashimi und Maki, die wir in einem schmucken Holzschiffchen serviert bekommen haben. Ich kann schon keine Nasi Gorengs mehr sehen. Von denen hab ich genug. Und auch von zerkochtem Hühnerfleisch. Scheinbar haben die Balinesen die Angewohnheit das Fleisch in ihren traditionellen Gerichten praktisch tot zu kochen – das kommt fast immer staubtrocken daher. Deshalb bin ich auch etwas skeptisch, als es heißt, dass wir am nächsten Abend ins Steakhouse gehen. Aber ich lasse mich überraschen.

In diesem Urlaub habe ich mich bisher nur selten richtig ausgeschlafen. Unsere Tauchgänge und Ausflüge haben es geschafft, dass mein innerer Wecker schon um 6:20 Uhr Alarm geschrien hat. Stelle man sich das mal vor! Im Urlaub! Nicht so allerdings an den letzten beiden Tagen unseres Aufenthaltes. Da nehme ich mir die Vormittage frei und genieße das Frühstück bis 11:00 Uhr in vollen Zügen. Wobei – etwas gewöhnungsbedürftig ist das Frühstück hier schon. Bereits ab 7:00 Uhr gibt es Hühner- oder Fischsuppe, warme Eiergerichte, gebackene Erdäpfel, Hummerchips, Mie-Nudeln und – tadaaaa: Nasi Goreng. Von mir aus. Es gibt aber auch Würstchen, Weißbrot und Waffeln, frische Früchte und Kuchen. Ich finde also auch für mich etwas Passendes.

Um die Mittagszeit stoßen der Übergepäckspezialist und der Privatbierbrauer wieder zu uns. Braungebrannt und bester Laune. Ja, es kann halt nicht jeder etwas für Kultur übrig haben. Deshalb lassen sie unser Tempelprogramm auch Tempelprogramm sein und machen es sich im Hotel und am Pool bequem.

Am frühen Nachmittag ziehen wir (ohne Übergepäckspezialisten und Privatbierbrauer) noch ein letztes Mal los. Diesmal, um uns einen der sechs Haupttempel der Insel anzusehen, den Pura Luhur Uluwatu, der auf einer steilen Klippe im Süden thront. Schon bei der Hinfahrt weist uns unser Taxifahrer darauf hin, dass wir unsere Sachen gut verstauen und die Brillen im Auto lassen sollen. Warum? Ganz klar. Auch in diesem Tempel gibt es heilige Affen, die sich manchmal so gar nicht heilig aufführen.

Beim Eingang lösen wir unsere Tickets und bekommen gleich darauf unser Tempelgewand. Nachdem meine Knie von meiner Hose bedeckt sind, brauche ich nur eine orange Schärpe. Sieht ganz hübsch aus, so auf meinen schwarzen Sportklamotten. Mein Göttergatte und einige andere von uns leihen sich violette Tücher aus, die sie wie Sarongs (Wickelröcke) um die Hüften binden. Mei, schauen die Herren schnuckelig aus! Man könnte fast meinen, sie hätten ihre feminine Seite entdeckt. Wären da nicht die behaarten Beine, die unter dem violetten Schurz herausragten. Und die Bärte. Und die Glatzen. Jedenfalls sind wir derart gewandet startklar und betreten das Tempelareal.

Der Pura Luhur Uluwatu thront hoch oben auf einer 70-80 Meter hohen Steilklippe. Er soll die Balinesen wohl vor bösen Dämonen aus dem Meer schützen. Wir erinnern uns: Der Vulkan ist der Sitz der Götter. Das Meer hingegen ist der Sitz der Dämonen und bösen Geister. Und die Menschen wohnen irgendwo dazwischen und versuchen den einen zu huldigen und die anderen zu besänftigen. Damit alles hübsch im Gleichgewicht bleibt.

Als ich an die Brüstung trete und mein erster Blick auf die umliegenden Klippen, auf die tosenden Wellen und die aufbrausende Gischt fällt, fühle ich mich mit einem Male sehr klein. Ich bin ein verschwindend kleiner Punkt im Universum. Und obwohl wir inmitten einer großartigen Anlage aus dem 11. Jahrhundert stehen, die von Menschenhand erbaut wurde, sind es die unzähmbaren Naturgewalten, deren Anblick mich fesselt. Es braust in meinen Ohren. Der Wind pfeift. Für einen kurzen Augenblick vergesse ich die hunderttausend Touristen um mich herum und genieße das Naturschauspiel. Langsam spazieren wir auf dem Weg an der Klippe entlang, genießen den wunderbaren Ausblick, beobachten die Affen, die sich in den Ästen über uns tummeln. Wobei ich immer sage: Wenn du merkst, dass ein Affe über dir ist, schau nicht nach oben.

Zurück beim Hauptkomplex des Tempels steigen wir einige Stufen hoch, bis es für uns nicht mehr weiter geht. Das Allerheiligste ist für uns Touristen tabu. An den Eingängen stehen steinerne Wächter, die wieder dem elefantenköpfigen Gott Ganesha nachempfunden sind. Eigentlich hatte ich erwartet, hier ein riesiges, prunkvolles Tempelgebäude vorzufinden, doch der Uluwatu-Tempel ist spektakulär unspektakulär. Er hat etwas Bodenständiges, Geerdetes. Er fühlt sich so an, als wäre er näher am Menschen als alle anderen großen Tempel, die wir im Vorbeifahren gesehen haben. Er ist recht schmucklos und doch sehr beeindruckend. Er besteht aus zahlreichen niedrigen Gebäuden, strebt nicht mit Gewalt nach oben. Bleibt am Boden. Strahlt Ruhe und Frieden aus. Ist eine Bastion des Guten, hier auf seiner hohen Klippe. So zumindest fühlt es sich für mich an.

Es beginnt zu tröpfeln und wir machen uns recht hurtig auf den Rückweg. Aus dem Tröpfeln wird schon bald ein heftiger Regenguss und als wir am Ausgang der Tempelanlage angelangt sind, hilft nur noch ein kurzer Sprint zu unserem Taxi. Dort angekommen merken wir, dass uns irgendwo im Menschengetümmel unser Faserplattenschmeichler abhandengekommen ist. Hat wahrscheinlich unser Taxi (eines von gefühlten hundert) nicht gleich gefunden. Also zieht unsere Inselschönheit nochmal los. Hinaus in den strömenden Regen, um den Liebsten einzusammeln. Ach, was tut man nicht alles der Liebe wegen …

Unser geplantes Picknick auf den Klippen fällt leider ins Wasser. Das Wetter spricht eindeutig dagegen. Schade. Ich hatte mir das so schön ausgemalt. Den Abend lassen wir dann aber tatsächlich im Steakhouse ausklingen „Happy Cow“ heißt es sinnigerweise (ich glaube allerdings nicht, dass hier noch irgendwo eine glückliche Kuh rumspaziert) und ist gerade einmal fünfzehn bis zwanzig Gehminuten von unserem Hotel entfernt. Im Grunde ist das nicht weit. Aber lebensgefährlich. Einmal müssen wir auf unserem Weg nämlich die Hauptstraße überqueren. Und auch wenn die Auto- und Mopedfahrer hier sehr viel Rücksicht aufeinander nehmen, gilt das noch lange nicht für Fußgänger. Außerdem geht es hier ordentlich rund. Die zumindest zweispurigen Straßen sind vollgestopft mit PKWs, LKWs, Taxis und Mopeds. Stau gibt es keinen – alle düsen dahin, so schnell es vorangeht. Manche Mopedfahrer sind als Kamikaze-Geisterfahrer auf der falschen Fahrspur unterwegs. Wie durch ein Wunder passiert ihnen nichts.

Ich bin normalerweise im Straßenverkehr schmerzbefreit. Aber diese Straßenüberquerung war dann doch eine ganz eigene Nummer. Sie schreit definitiv nicht nach Wiederholung. Jagt mich lieber per Flying Fox über die Tscheppaschlucht oder schickt mich zu einem Kindergeburtstag mit zehn Sechsjährigen. Das ist weit weniger heikel. Es muss wohl auch für die Balinesen, die uns beim Überquerungsversuch der Straße beobachtet haben ein recht interessantes Unterfangen gewesen sein, weil sie uns dabei gefilmt haben. Wahrscheinlich sind wir schon längst irgendwo auf Youtube oder Instagram unter dem Titel: „Lebensmüde Vollidioten überqueren Hauptstraße“ zu finden. Wer weiß …

Unsere zwei Helden, der Übergepäckspezialist und der Privatbierbrauer, haben sich an diesem Tag noch nicht richtig verausgabt (wir erinnern uns: die beiden haben das Kulturprogramm verweigert) und sind auch nach dem Abendessen noch frisch und fit. Also machen sie anschließend die Nacht zum Tag und verschwinden in den balinesischen Nachtclubs, die sie erst am frühen Morgen wieder ausspucken. Mit einem einseitigen Gehörsturz mehr und einem Handy weniger. Die Nacht hat definitiv ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Erlebnisse der beiden noch lange in ihnen nachhallen werden. Aber die haben hier in meinem Reisebericht leider so gar nichts verloren. Diese Storys würden wohl ein eigenes Buch füllen …

Der nächste Tag, unser letzter auf Bali, ist faul und unspektakulär. Erst am Abend, gegen 22:00 Uhr Ortszeit, brechen wir zum Flughafen auf und machen uns auf unsere 25 Stunden dauernde Rückreise. Alles läuft nach Plan. Zuerst der Nachtflug mit einer Zwischenlandung in Dubai inklusive einer von der Staatsmeisterin gesponserten Oreo-Keks-Pause und einer Thomas-Muster-Sichtung. Danach Weiterflug nach Wien. Keine besonderen Vorkommnisse. Außer vielleicht, dass wir in Wien um ein Haar unseren Anschlusszug verpassen, weil das Gepäck reichlich lange auf sich warten lässt.

Hier, neben dem Gepäckband auf dem Flughafen Wien-Schwechat löst sich unsere Gemeinschaft auf und die zwölf Gefährten zerstreuen sich in aller Herren Winde. Mein Göttergatte, die Seepferdchensucherin und ich kommen nach einem kurzen Sprint mit dem schweren Tauchgepäck Just in Time auf dem Bahnsteig an. Rein in den Zug. Dann noch einmal schnell umsteigen. Und mit Hochgenuss verspeisen wir schon bald darauf ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren, genehmigen uns einen weißen Spritzer und ein feines Bier – und schicken unseren Gefährten ein Foto davon. In unserem Urlaubschat findet es sich direkt unter dem Foto einer Leberkässemmel mit Red Bull wieder, das wiederum direkt unter dem Foto von einer Wurstsemmel mit Gurken steht.

Es ist ein würdiger kulinarischer Abschluss für einen grandiosen Urlaub.