12 Taucher im Schatten des Vulkans (1)

12 Taucher im Schatten des Vulkans (1)

Eine unglaubliche Balireise – Teil 1

Fotos: sind alle zusammengeklaut von den Gefährten

Die Gefährten

Während ich hier sitze, schlürfe ich meinen heißen Zitronengrastee, den ich aus der Mitte des balinesischen Monsunwaldes mit nach Hause genommen habe und schwelge in Erinnerungen an einen fantastischen Tauchurlaub. Es ist höchste Zeit, ein paar Gedanken niederzuschreiben, bevor sie verblassen …

Genaugenommen beginnt die Geschichte dieser Reise schon vor ungefähr einem Dreivierteljahr – und mit einem großen Widerwillen meinerseits. Bali stand nie auf meiner Liste (ich führe eine imaginäre Liste mit Orten, die ich in meinem Leben einmal gesehen haben möchte) und ich wehrte mich „mit Händen und Füßen“. Auch sollte die Reise während der Schulzeit stattfinden und unser 15-jähriger Junior müsste dann nach einem Schulwechsel (von dem noch keiner wusste, was er mit sich bringen würde) zwei Wochen alleine zurechtkommen.

Mein Göttergatte und einige Tauchfreunde dokterten schon eine ganze Weile vergebens auf mich ein, mitzukommen. Bis eines Tages bei einer Grillerei im Garten, als ich schon ein, zwei Prosecco getrunken hatte und das Thema wieder auf Bali kam, mein Junior die Augen überdrehte (was so viel heißt wie: Mama, stell dich nicht so an, das ist ja lächerlich), meine Eltern meinten, sie würden schon auf das Kindlein Acht geben und fünf aufmunternde, vorfreudestrahlende und erwartungsvolle Augenpaare auf mir ruhten. Gut, überredet. Fliegen wir also nach Bali. In einem Dreivierteljahr. In einer wahrlich illustren Gesellschaft, die ich hier kurz anhand der Zimmerbelegung in unserem Tauchresort in Tulamben vorstellen darf:

Belegschaft Zimmer 4:
• Das Goldlöckchen: unsere Dosenverschieberin, Baliexpertin und Chefreiseorganisatorin, die 6 Monate lang auf Bali studiert hat (Betriebswirtschaft, wie sie uns glaubhaft versichert hat)
• Die Seepferdchensucherin: unsere knusprig braune Sonnenanbeterin, Mitorganisatorin, Notfallsanitäterin und „Krankenschwester“, die keine ist

Belegschaft Zimmer 6:
• Der Übergepäckspezialist: unser Werbefix und Unterwasserfotograf, der wahrscheinlich auch noch mit 30 Kilogramm Handgepäck ohne Aufzahlung durch den Check-In kommt
• Der Privatbierbrauer: unser raftingpaddelschwingender Poolbarbesetzer und Nachtschwärmer, dessen Fehltritte auch mal in einem Fischbassin enden können

Belegschaft Zimmer 10:
• Die Inselschönheit: unsere zauberhafte Affenbabyliebhaberin, die mit ihrer sportlichen Figur, ihrer blassen Haut und ihrer tollen Nase exakt dem Schönheitsideal der Balinesen entspricht
• Der Faserplattenschmeichler: der hingebungsvolle Traummann unserer Inselschönheit und ursprüngliche Qualitätszimmerer, der Fische eigentlich überall mag, nur nicht auf seinem Teller

Belegschaft Zimmer 11:
• Die Zahlenfriseurin: unsere wellnessverliebte Undercutträgerin, die Muscheln und Austern zum Fressen gernhat und auch mal Querschläger mit dem Raftingpaddel locker wegsteckt
• Der Aquaman: unser Rothaubentaucher mit dem unverschämt geringen Luftverbrauch, der maximal vier Bier trinkt und an dem die Go-Pro möglicherweise festgewachsen ist

Belegschaft Zimmer 65:
• Die Staatsmeisterin: unsere strahlende Triathletin, Oreo-Kekse-Verteilerin und ein unglaublich feiner Mensch, den man einfach gernhaben muss
• Der Küchenlegionär: unser stillgestandener Berufsbeamter, Quell unendlicher Geschichten und wahrscheinlich bester (Pizza)Koch Kärntens

Belegschaft Zimmer 66:
• Der Göttergatte: mein allerschönster und bester Ehemann, steirisches Urgestein und von unserem Sohn höchstpersönlich nominierter und prämierter Kernölwichtel
• Und meine Wenigkeit (Was andere hier wohl über mich schreiben würden?) …

Das sind also wir, die furiosen Zwölf, die am 23. März 2019 am Flughafen Wien in den Flieger steigen und gemeinsam zu einer unglaublichen Balireise aufbrechen. Über jeden Einzelnen von uns könnte ich sagenhafte Geschichten schreiben. Ich habe mir allerdings vorgenommen, mich für diesen Reisebericht etwas in Zurückhaltung zu üben. Das ist gesünder so. Viel gesünder …

Aufbruch ins Paradies

Wir beginnen an einem wunderschönen Märztag in Wien. Nach einer weitestgehend unspektakulären Zugfahrt und einem ausgezeichneten Döner (unsere Zahlenfriseurin und ihr Aquaman passen – die machen in den ersten Urlaubstagen noch ihre Darmreinigungskur fertig – was für ein Urlaubsbeginn!!!) trifft sich unsere Klagenfurter Delegation mit den übrigen Reisegefährten am Flughafen in Wien. Mit im Gepäck: Tauchausrüstung, Sommerklamotten, Badehosen, Bikinis und jede Menge gute Laune. Unser Übergepäckspezialist hat (wie eigentlich immer) noch ein bisschen mehr mit und weiß der Geier, wie er es schafft, kommt er mit geschätzten 22 Kilogramm Handgepäck (zusätzlich zu den 30 Kilogramm Tauchgepäck!) ohne Probleme und ohne Aufzahlung durch die Flughafenkontrollen. Respekt!

Am frühen Nachmittag heben wir mit Emirates ab Richtung Dubai. Bis zur Zwischenlandung sind es ca. 5 Stunden Flugzeit, die wir mit Essen, Herumrutschen auf den Sitzen und Filmschauen verbringen. Ich zieh mir gleich mal ein paar Fantastische Tierwesen und Grindelwald’sche Verbrechen rein. Der erste Flug vergeht – na wie im Flug eben. Was für mich völlig neu ist, sind die Bordkameras, über die man von jedem Sitzplatz aus per Bildschirm verfolgen kann, was sich vor und unter dem Flugzeug abspielt. Ich freue mich zuerst voll darüber – merke aber schon bald, dass da nicht allzuviel zu sehen ist. Schade. Mein letzter Langstreckenflug ist ca. 25 Jahre her (damals flogen wir nach China). Und ich muss anerkennend bemerken, dass sich doch einiges positiv verändert hat.

Nach der Zwischenlandung in Dubai, einer kühlschrankähnlichen Terminal-Busfahrt (bei einer Außentemperatur von ca. 31 Grad Celsius kühlen die runter auf gefühlte *brrr* 18 Grad) und ein, zwei Stunden Wartezeit geht es weiter mit dem nächsten Flieger Richtung Bali. Auch wieder mit Flying Emirates. Diesmal bekommen wir das obligate Täschchen mit Zahnbürste, Zahnpasta, Schlafmaske, Ohropax (meine neuen besten Freunde) und Söckchen. Der Flug dauert ca. 8 Stunden und irgendwie gibt’s die ganze Zeit etwas zu essen oder zu trinken. Und wir essen und trinken natürlich, schauen Filme (ich suche mir diesmal einen schwachsinnigen Nussknacker-Film aus) und tatsächlich bekomme ich auch eine Mütze voll Schlaf.

Dann liegt sie vor uns: BALI. Die Insel der Götter. Die Insel der tausend Tempel. Die Insel, von der ich bis wenige Wochen vorher noch nicht einmal wusste, wo genau sie eigentlich liegt. Für alle, die sich geografisch auch nicht so hundertprozentig zurechtfinden, sei gesagt: Bali liegt im Indischen Ozean und gehört zu Indonesien. So viel zur Lage der Nation.

Als wir am Flughafen ankommen, schlägt uns ein angenehm warmes und leicht feuchtes Klima entgegen. An die Durchschnittstemperaturen von 28 bis 30 Grad und die gelegentlichen Regengüsse werden wir uns schnell gewöhnen. Jedenfalls wird es schon Abend, als wir mit unseren Tauchtaschen und Koffern vor den Flughafen rollen, wo wir aufs Herzlichste empfangen werden. Goldlöckchens einheimische Freundin wartet schon auf uns und die Wiedersehensfreude der beiden ist grenzenlos.

Die immer strahlende Indonesierin wird uns noch an so manchen Tagen unserer Reise begleiten – vor allem im zweiten Teil unseres Urlaubs, den wir im Süden der Insel verbringen werden. Als Begrüßungsgeschenk hat sie für jeden von uns ein Fläschchen Insektenspray mitgebracht. Ich freue mich darüber und frage mich gleichzeitig, ob ich mich vor einer Mückeninvasion fürchten muss. Ich beschließe, Zweiteres nicht zu tun und sprühe mich gleich mal vorsorglich ein. Sicher ist sicher. Wie sich später herausstellen wird, ist die Befürchtung aber ohnehin unbegründet. Es sind fast keine stechenden Plagegeister unterwegs.

Auch die Wagen vom Tauch Terminal Resort Tulamben sind bereits da und holen uns ab. Wir werden mit einem Lächeln und wiederbefüllbaren Trinkflaschen von unseren Fahrern begrüßt. Etwas müde geht die Fahrt durch die unglaublich belebten Straßen von Denpasar nach Norden Richtung Tulamben. Denpasar, die Hauptstadt von Bali liegt eher im Süden der Insel und war früher auch als Badung bekannt. Heute hat die Stadt an die 800.000 Einwohner – und man möchte meinen, dass die alle auf der Straße unterwegs sind. Mit Autos, Taxis und Mopeds. Radfahrer gehören hier scheinbar zu den Verlierern. Alles ist motorisiert und gibt Gas. Es ist für mich übrigens das erste Mal, dass ich in einem Land unterwegs bin, in dem Linksverkehr herrscht. Das fühlt sich auf den ersten paar Kilometern noch etwas eigenartig an, aber dann gewöhne ich mich seltsamerweise doch recht schnell daran.

Als wir die Großstadt hinter uns lassen, bekomme ich einen ersten groben Eindruck von der Insel. Es gibt nur wenige Hauptverkehrsadern, die sich über die Insel schlängeln und zumeist einspurig sind. Dafür sind sie aber recht ordentlich befahren.

Die Klimaanlage in unserem Auto bläst erbarmungslos und trotz der recht ansprechenden Außentemperaturen ziehen wir uns doch lieber unsere Jacken an und die Kapuzen über die Köpfe. Wir fahren durch schmale Dörfer und spektakuläre Landschaften, vorbei an Tempeln und Säulen, an Götter- und Dämonenstatuen, an Reisfeldern und Vulkanen. Wir sehen Frauen, die große Körbe auf ihren Köpfen tragen und Männer, die ihre dicken Bäuche unter dem hochgekrempelten T-Shirt in die Abendsonne hängen. Wir sehen Kinder, die mit dem Moped fahren. Wir sehen kleine Äffchen am Straßenrand und Hühner, die wie durch ein Wunder nicht überfahren werden. Wir sehen Kokospalmen, Kakteenwälder und zwischendurch erhaschen wir einen Blick auf das Meer.

Nach ca. zweieinhalb bis drei Stunden Fahrt kommen wir im Tauch Terminal Tulamben im Nordosten der Insel an. Es ist schon recht dunkel. Rund 28 Stunden haben wir für unsere Anreise rund um den halben Erdball gebraucht und ich spüre deutlich die Müdigkeit und den Jetlag in meinen Knochen. Was mich natürlich nicht davon abhält, unser Zimmer im ersten Stock zu inspizieren, vom Balkon aus ein abendliches Foto zu schießen, das Resort in groben Zügen zu erkunden und ein feierliches Gutenachtbier an der Hotelbar zu trinken. So viel Zeit muss einfach sein. Auch wenn ich aufgrund der Dunkelheit nicht mehr allzu weit sehen kann, stelle ich fest, dass es mir hier außerordentlich gut gefällt. Es ist der perfekte Platz für die nächsten zehn Tage meines Lebens.

Die meisten unserer Gefährten, wie auch der Privatbierbrauer und der Übergepäckspezialist sind im Parterre untergebracht. Sie erreichen die Hotelbar von ihrer Terrasse aus in nur wenigen Schritten. Die allerdings stecken voller Tücke. Als unser Privatbierbrauer nämlich bei seinem allerersten abendlichen Erkundungsmarsch von der Terrasse steigen will, tritt er gleich in einen kleinen wasserführenden Kanal (in dem auch noch Fische schwimmen) und taucht zum ersten Mal auf Bali unter. Tadaaa: Schon haben wir den ersten Verletzten. Macht aber nix. Denn ein gut gekühltes Bintang (ein balinesisches Bier, das gar nicht so übel schmeckt) tröstet ihn über den Schreck und ein paar kleine Schrammen hinweg.

Ein Arzt muss her

An unserem ersten Tag im Paradies scheint die Sonne. Draußen hat es feucht-fröhliche 30 Grad. Die unendliche Weite des Indischen Ozeans liegt still vor uns. Von der Ferne grüßt die Insel Lombok. Der Strand ist kohlrabenschwarz. Abgeschliffene, runde Vulkansteine aller Größen liegen matt zu meinen Füßen. Palmen wogen sanft in der warmen Brise. Zarte Vögelchen sitzen auf den Frangipanibäumen, deren Blüten weißgelbe Punkte auf den penibel gepflegten Rasen im Garten des Resorts zaubern. Eine dieser Blüten hebe ich auf und stecke sie mir ins Haar. Am Pool ist frühmorgens noch nichts los. Auf der Tauchbasis allerdings herrscht emsiges Treiben. Die Dive Guides sind schon da und bereiten sich auf den Tag und auf die Tauchgänge mit unseren Gefährten vor. Außer uns sind nur wenige Gäste hier. Es ist Vorsaison und Regenzeit. Zweiteres ist uns Tauchern ziemlich egal. Nass werden wir sowieso.

Auf der Frühstücksterrasse werden frische Früchte serviert. Für mich gibt es dazu einen duftenden Bali-Coffee (einen aufgegossenen Kaffee mit Sud – ähnlich unseren türkischen Kaffees) und Nasi Goreng, also warm servierten gebratenen Reis mit Gemüse. Während sich die anderen auf ihren ersten Tauchgang vorbereiten, gehen es mein Göttergatte und ich etwas langsamer an. Wir wollen zuerst einmal in Ruhe frühstücken und diese neue, unbekannte Welt auf uns wirken lassen. Außerdem geht es meinem Göttergatten heute nicht besonders gut. Er ist bereits mit Halsschmerzen zu unserer Reise aufgebrochen. Die lange Anreise, die Klimaanlagen in Flugzeugen, Bussen und Autos haben die Situation naturgemäß nicht verbessert.

Deshalb nutzen wir den ersten Tag unseres Aufenthaltes in Tulamben dazu, einen balinesischen Arzt zu besuchen. Mit dem Hoteltaxi brausen wir durch den Ort und nach nur wenigen Minuten bleibt unser Fahrer vor einem recht unspektakulären, recht durchschnittlich großen Haus stehen. Mein umsichtiger Göttergatte zieht beim Eingang seine Flipflops aus und stellt sie zu den anderen Schuhen. Ich mache es ihm nach und mit bloßen Füßen betreten wir den Empfangsbereich. Die Leutchen dort schauen uns recht entgeistert an. Wahrscheinlich erscheint hier nicht alle paar Minuten der Nikolaus (mein Göttergatte trägt einen weißen Vollbart). Jedenfalls ist die Sprachbarriere einigermaßen groß. Wir versuchen es zunächst mit Englisch. Dann mit Händen und Füßen. Als unser Fahrer aus dem Hotel das bemerkt, ist er gleich zur Stelle und dolmetscht für uns. Ein aufmerksamer Mensch.

Als klar ist, warum wir hier sind, nehmen wir im Wartezimmer Platz. Hier spalten sich die Bilder in Gewohntes und Ungewohntes. Gewohnt sind die Sitzreihen mit den Wartenden (wie man sie eben auch bei uns aus Kliniken kennt). Gewohnt ist auch der Geruch, der mich allerdings eher an den typischen Geruch in Altersheimen erinnert. Ungewohnt ist der Bodenteppich, auf dem es sich zwei junge Menschen liegend gemütlich gemacht haben.

Nach kurzer Wartezeit ist mein Göttergatte an der Reihe. Lustigerweise verbeugt er sich ganz instinktiv beim Betreten des Behandlungsraums. Ich muss schmunzeln. Und bleibe im Wartezimmer sitzen. Von hier aus erhasche ich nur ein paar kurze Blicke ins Behandlungszimmer. Die Ärztin (ich finde es übrigens großartig, dass hier eine Frau am Werk ist) bittet meinen Göttergatten, sich auf die Untersuchungsliege zu legen und greift zum Stethoskop. Jetzt schließt sie die Tür. Alles weitere bleibt mir verborgen.

Ich nutze die Zeit und sehe mich im doch recht weitläufigen Raum um. Es gibt einen Minispielbereich für Kinder mit einer kleinen Rutsche. Einen ausgeschalteten Fernseher. An der Wand klebt ein Aushang mit Turnübungen. Hinter dem Empfangspult sind zwei Balinesen zu Gange. Hinter ihnen lehnt eine schwarz bezogene Matratze an der Wand. Ein leerer Rollstuhl ist auch da. Im Eingangsbereich befindet sich eine kleine Apotheke. Schräg hinter mir brummt ein Coca-Cola-Kühlschrank in typischem rotweiß vor sich hin. Gefüllt ist er allerdings mit einheimischen Getränken. Eine Kühltruhe mit Eskimo-Herz und der Aufschrift WALLIS ist auch da. Drin ist tatsächlich Eis. Auch ein paar Gasflaschen stehen herum. Neben ihnen entdecke ich ein Moped. Mitten im Warteraum. Sehr interessant!

Die Tür zum Behandlungsraum öffnet sich wieder und mein Göttergatte erscheint in seiner ganzen Pracht. Die Medikation steht fest: 3 Tage schonen und indonesische Antibiotika schlucken. Danach sollte die Infektion erledigt sein und es darf wieder getaucht werden. Die Medikamente bekommen wir gleich mit. Alles läuft ruckzuck und wie geschmiert. Gott sei Dank hab ich am Ende noch das Moped entdeckt, sonst wäre unser medizinischer Ausflug komplett unspektakulär gewesen.

Wieder zurück im Hoteltaxi lassen wir uns von unserem Fahrer zurückkutschieren. Ich versuche, mir die Namen der Mitarbeiter im Hotel zu merken, aber für mich ist das irgendwie so wie das Lernen von Vokabeln. Und im Auswendiglernen war ich immer schon furchtbar schlecht. Dabei wäre das Namenlernen auf Bali eigentlich voll einfach. Die Bauern nummerieren nämlich ihre Kinder einfach. So heißen die Erstgeborenen alle Wayan oder Putu (also so viel wie Erster). Die Zweitgeborenen heißen Made oder Kodek. Die Drittgeborenen Nyoman oder Komang. Und die Viertgeborenen Ketut. Bei den Fünftgeborenen beginnt man der Einfachheit halber wieder mit eins. Man sieht schon, dass die Balinesen in gewissen Dingen sehr praktisch veranlagt sind.

Während wir wieder zurück ins Hotel fahren, fallen mir ein paar Dinge ins Auge. Auf dem LKW vor uns liegen pinke Palmblätter, die für Zeremonien und Partys verwendet werden. Am Straßenrand steht ein LKW, der gerade mit Kokosnüssen beladen wird. Schüler in Schuluniformen säumen den Weg. Die Größeren tragen zu ihren weißen Hemden Krawatten, kurze blaue Röcke oder Hosen. Die Kleineren tragen brombeerfarbene Uniformen. Die Farben variieren aber von Region zu Region. Als zwei der Volksschulzwerge mit einem Moped an uns vorbeidüsen, schaue ich wie ein Auto.

Zurück im Resort gönnen mein Göttergatte und ich uns Maniküre und Pediküre. Nebeneinander sitzen wir im Wellnessbereich mit in warmes Wasser getauchten Füßen und trinken einen undefinierbaren rosa Fruchtsaft. Drei Damen kümmern sich um unsere Hände und Füße. Es wird gerubbelt und geschnippelt, gehobelt und gefeilt, gesalbt und lackiert. Nebenbei klingt Entspannungsmusik. Wohltuende Aromen erfüllen den Raum. Wir entspannen uns und genießen das süße Leben. Das Ergebnis meiner Maniküre kann sich sehen lassen: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich blaue Fingernägel. Also blau glänzende. Und das völlig ohne Gewalteinwirkung.

Übrigens: Unser Hotel ist weitestgehend plastikfrei, und das finde ich ziemlich gut so. Es gibt Trinkhalme aus Stahl an der Bar, Zahnputzgläser mit Perlmuttuntersetzern im Bad und keine überflüssigen Verpackungen. Wir wurden ja bereits am Flughafen mit Trinkflaschen aus Stahl begrüßt, die wir an der Hotelbar jederzeit kostenlos mit Trinkwasser befüllen können. Das gefällt mir.

Der erste Tauchgang und die USAT Liberty

Mein erster Tauchgang auf Bali ist in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Zum ersten Mal tauche ich im Indischen Ozean. Zum ersten Mal tauche ich mit Nitrox (einem Luftgemisch mit 32 % Sauerstoff) und mit meinem neuen 3-mm-Tauchanzug (der ist übrigens sehr schick). Meinen neuen Tauchcomputer weihe ich dabei auch gleich ein. Und zum ersten Mal geht es für mich zu einem richtig großen Wrack. Die USAT Liberty, ein Versorgungsschiff der US-Army, das im Juni 1942 von einem japanischen U-Boot torpediert wurde und anschließend hier vor Bali gestrandet ist, wartet darauf, von mir erkundet zu werden.

Von unserer Tauchbasis aus sind es nur ein paar Schritte bis zum Tauchplatz, die das Goldlöckchen, die Seepferdchensucherin, unser Dive Guide und ich zurücklegen. Tragen müssen wir nur unser Blei, die Flossen und Masken. Tauchjackets und Pressluftflaschen bringen fleißige Helferlein für uns an den Strand. Was für ein Service! So etwas bin ich nicht gewöhnt. Ein kurzes Briefing, ein kurzer Buddy-Check und schon kann es losgehen. Vom schwarzen, mit Vulkansteinen bedeckten Strand waten wir ins 28 Grad warme Wasser. Flossen rauf, Regler rein und abgetaucht. In eine Welt, in der wir Menschen so fremd sind, und die uns trotzdem so wohlwollend ignoriert. Vor dem schwarzen Grund tummeln sich die ersten blitzblauen Fischlein. Ich finde, die passen perfekt zu meinen frisch lackierten Fingernägeln.

Ich nehme mir vor, ganz gemächlich zu tauchen und den vielen mir noch unbekannten Fischen und Unterwassertierchen gebührend viel Aufmerksamkeit zu schenken. Umsonst. Es geht nicht. Von überall strömen neue Eindrücke auf mich ein. Wohin ich auch blicke: Alles ist neu, anders, bunt, aufregend, überwältigend schön. Und während ich so völlig überfordert unserem Dive Guide hinterhertauche, bemerke ich erst gar nicht, dass sich das Wrack, mein allererstes dieser Größe, bereits direkt zu meiner Linken befindet. Ein Fremdkörper, assimiliert, bewachsen, überwuchert, bevölkert und bewohnt. Überall sind Korallen, Schwämme, Schnecken, Fische … fast möchte man das Wrack für ein Riff halten. Wüsste man es nicht besser.

Langsam lassen wir uns mit einer leichten Strömung um das Wrack herumtreiben und tauchen durch einen Durchlass. Da stoppt unser Guide und zeigt das Unterwasserzeichen, das mir das Herz im Leibe hüpfen lässt: Schildkröte voraus! Und da ist sie auch schon: Schräg unter mir kaut eine Meeresschildkröte genüsslich an ihrem Frühstück. Sie ist keine Riesin, ich schätze sie auf einen Dreiviertelmeter, und sie ist die erste Meeresschildkröte, der ich unter Wasser begegnen darf. Mit meinen 58 Tauchgängen, bei denen ich bisher nur in den Kärntner Seen und in der Adria unterwegs gewesen war, hatte ich noch nicht wirklich Gelegenheit dazu. Ich bin glücklich.

Ein paar Meter weiter, zu meiner Rechten, steht ein riesiger Napoleonfisch im Wasser und straft uns mit majestätischer Ignoranz. Ich merke: Wir sind nur geduldete Gäste in diesem fremden, liebenswürdigen Reich. Ein paar Flossenschläge weiter schwimmt ein Trupp Büffelkopf-Papageienfische an uns vorüber. Jeder einzelne ist bestimmt an die 80 Zentimeter groß, wenn nicht größer. Auch wenn ich bereits seit einiger Zeit in der Unterwasserwelt unterwegs bin, tue ich mir noch immer schwer mit dem Abschätzen von Größen und Entfernungen. Böse Zungen behaupten ja, das sei so eine typisch weibliche Eigenschaft, doch das ist eine andere Geschichte. Was wir noch alles sehen? Schmetterlingsfische, Drachenköpfe, Schnecken aller Farben und Formen, Korallen … ach, ich kann gar nicht alles aufzählen.

Langsam geht die Luft zur Neige und wir tauchen wieder Richtung Strand, allerdings nicht ohne eine Anemone und einen dunkelorangen Anemonenfisch zu passieren. Glücksflosse hat er keine, aber einen kleinen Nemo neben sich. Goldlöckchen und die Seepferdchensucherin sind voll geflasht und planen sofort ihren nächsten Tauchgang. Ich passe und genehmige mir zunächst eine kleine Oberflächenpause. Ich muss die ersten Eindrücke verarbeiten. Für mich geht es erst wieder ca. vier Stunden später ab in den Korallengarten.

Ich bin wohl ein kleines Glücksschweinchen. Das zumindest findet mein Göttergatte. Bei unserem Tauchgang zum Korallengarten habe ich tatsächlich meine erste Haifischsichtung. Andere Taucher warten darauf eine kleine Ewigkeit. Zwar ist die Sicht nicht ideal, aber gut genug, um den Haifisch in der Ferne vorüberziehen zu sehen, begleitet von zwei Schiffshaltern. Es ist ein Schwarzspitzen-Riffhai (mein Göttergatte nennt diese Art immer Riffdackel), der genau so schnell, wie er da ist, auch wieder aus meinem Blickfeld verschwindet. Goldlöckchen und die Seepferdchensucherin sehen ihn bei diesem Tauchgang noch einmal von der Nähe. Grund genug für die beiden, ihm den Namen Haidi (oder Heidi?) zu geben. Ich selbst sehe ihn leider nur das eine Mal.

Der Korallengarten selbst ist ein Genuss. Legt mich dort eine Stunde lang ins Wasser und ich bin glücklich. Zwischen hunderttausenden Fischen, Schnecken, Krebsen, Garnelen Korallen und Anemonen. Es ist ein Ort, den wir leider viel zu schnell wieder verlassen müssen. Wie gerne hätte ich hier noch geschaut und diese vielen bunten, schwerelos eleganten Punkte beobachtet. Pulsierende grüne Anemonen mit unglaublich vielen Anemonenfischen gibt es hier. Große, kleine, orangeweiße, schwarzweiße. Fast durchsichtige Flötenfische mischen sich ins Getümmel. Begeistert zeige ich von einem Fisch zum nächsten und will sie meinen Buddys zeigen. Aber die kennen das schon (auch vom Roten Meer, das ich noch nicht kenne) – und können sich nicht ganz so dafür begeistern wie ich. Schade. Aber wahrscheinlich liegt das in der Natur des Menschen, dass er die Schönheiten, die ihn umgeben nach einer gewissen Zeit der Fülle nicht mehr so begeistert wahrnimmt. Weil er sich daran gewöhnt. Weil er nach etwas Neuem und Unbekanntem sucht. Vielleicht muss das auch so sein, damit wir uns weiterentwickeln. Vielleicht auch nicht.

Ich selbst tauche gerne langsam. Leuchte in kleine Vertiefungen hinein. Lasse mir Zeit und erfreue mich auch an den kleinen Dingen. Ich liebe Fischschwärme, die skurrilen Schnecken, Garnelen und Würmer, die bunten Korallen und Schwämme – und diese herzallerliebsten Minikugelfische. Großfische brauche ich nicht unbedingt. Und dann habe ausgerechnet ich bei meinem zweiten Bali-Tauchgang dieses unglaubliche Haifischglück. Schon ein bisschen ironisch, oder?

Noch ein Wrack und eine Gerölllawine

Heute geht es schon früh zum nächsten Wrack. Die Boga wartet auf uns. Mit dem Tauchfahrzeug, einem kleinen Transporter mit offener Ladefläche, auf der wir Platz nehmen, geht es über die Hauptstraße ins nächste Dorf. Kubu heißt es. Ein Hahn kräht, eine Rinderherde wird über die Straße getrieben, unzählige Mopeds fahren. Auf dem Markt direkt an der Straße herrscht reger Betrieb. Alle paar Sekunden ertönt eine Hupe. Ohne Sicherheitsgurt auf der Pritsche des Tauchfahrzeugs sitzend, den Fahrtwind in den Haaren, düsen wir dahin. Ich genieße dieses kleine Stück Freiheit. Diese kleine Stück Unreguliertheit, das mich an meine Kindheit erinnert, in der wir noch auf der Rückbank im Auto liegen und schlafen durften …

Wir fahren also zum Tauchspot, wo uns die Tauchausrüstung von fleißigen Frauen zum Strand getragen wird. Ich kann mich echt nur schwer daran gewöhnen. Auch heute, an meinem zweiten Tauchtag fühlt es sich irgendwie eigenartig an. Sonst darf ich mein schweres Zeug immer selbst schleppen. Nicht so hier auf Bali. Auf unserer Tauchbasis ist alles perfekt durchorganisiert und der Service vor Ort ist nicht von schlechten Eltern. Nicht einmal den Sauerstoffgehalt der Nitroxmischung muss man selbst messen. Das macht einer der Jungs von der Basis während man dabei zusieht und den Wert kontrolliert. Wobei: Heute Morgen, als ich neben einem der Basismitarbeiter stehe und er Flasche und Regler zu sich zieht, fällt original eine kleine Krabbe aus meinem Oktopus (dem Mundstück) raus. Das kleine Scheißerchen hat es sich da drin wohl gemütlich gemacht. Der Servicemann schaut ziemlich betreten drein. Ich auch. Na das wär ja mal knusprig geworden.

In Kubu wird uns das Equipment wieder an den Strand gebracht. Mit dabei sind diesmal neben unserem Dive Guide, Goldlöckchen und der Seepferdchensucherin auch der Übergepäckspezialist (mitsamt fetter Unterwasserkamera) und der Privatbierbrauer. Wir werfen uns in die klaren Fluten. Die Sicht ist gut und schon bald erreichen wir das Wrack. Und das sieht doch gleich ganz anders aus als das gestrige. Ein dicker Stahlbauch wölbt sich uns entgegen – und wir tauchen. Zunächst zum einen Ende und dann an Deck. Die Boga hat heute einen Steuermann. Dort, wo früher mal das Steuerrad war, ragt heute nur noch ein Stahlträger in die Höhe auf dem es sich ein perfekt getarnter Drachenkopf gemütlich gemacht hat. Hinter mir propellert ein Kugelfisch vorbei.

Unser Guide taucht voraus und erstmals tauche ich, zwar als Letzte in unserem 6 Mann und Frau starken Trupp, in ein Wrack hinein. Mit gezückter Lampe, versteht sich, weil es da drin ordentlich finster ist. Ich überlege, ob mir mulmig werden soll und komme drauf, dass ich’s einfach nur geil finde. Ganze drei Decks können wir erkunden und ich frage mich, was Amphoren und Flaschen auf diesem Stahlriesen zu suchen haben. Die Antwort ist denkbar einfach. Dieses Wrack ist ein künstliches und wurde extra für Taucher hier versenkt. Na das erklärt einiges.

Beim zweiten Tauchgang an diesem Tag fahren wir wieder mit unserem hoteleigenen – ich nenne es jetzt einfach mal – Tauchtaxi zu einem Tauchplatz, der am Ende von Kutu liegt, direkt neben einem Tempel. Eine Höhle wollen wir uns ansehen. Mein Tauchbuddy ist diesmal unsere Inselschönheit, die auch im Tauchanzug immer gute Figur macht. Die Sicht unter Wasser ist an diesem Tag leider eher mau. Das Riff wäre bei guter Sicht wohl spektakulär, auch die Höhle, in der wir uns nur ganz kurz umsehen.

Dafür erleben wir ein recht spektakuläres Schauspiel ganz anderer Art. Von der Uferseite her nähert sich uns unter eine Staub-, Schlamm- und Gerölllawine und wälzt sich unter uns durch. Wie gut, dass wir da einfach „drüberstehen“ oder besser gesagt schweben und uns alles aus sicherer Entfernung ansehen können. Unser Guide erzählt uns am Ende des Tauchgangs, dass er vermutet, spielende Kinder hätten am Strand Steine ins Wasser geworfen und dieses Spektakel ausgelöst. Unglaublich, welche Wirkung so ein paar Steinchen haben können.

Streckenweise sieht man unter Wasser gerade noch einen Meter weit. Wieder lerne ich etwas dazu. Als Kärntner „Seentaucherin“ bin ich schlechte Sicht ja gewöhnt und sie macht mir nichts aus, das Unterwasserzeichen dafür kannte ich bisher allerdings nicht. Als sich meine Inselschönheit zu mir dreht und die flache Hand mit dem Rücken nach außen vor ihre Tauchmaske hält, gehe ich davon aus, dass das nur „Scheißsicht“ bedeuten kann (ich hoffe zumindest, es heißt nicht: Ich kann nicht mitansehen, was du für einen Blödsinn zusammentauchst …). Für einen kurzen Moment fassen wir uns dann am Arm, um uns nicht zu verlieren. Den Rest der Truppe sehen wir schon nicht mehr. Wäre es nicht so warm, könnten wir glatt meinen, wir wären im Wörthersee. Nur wenig später klart es auf und wir finden auch die anderen wieder. Gut so.

Zurück am Strand packen wir unsere Siebensachen ins Tauchtaxi. Eine kurze Dusche und schon geht es zurück zum Tauch Terminal. Zwei Tauchgänge pro Tag sind für mich mehr als genug. So verkrümle ich mich auf den schattigen Balkon unseres Zimmers, um in herrlicher Seelenruhe zu schlummern. Was es hier nicht gibt ist Eile. Stress scheint hier niemand zu haben. Die Dinge dürfen passieren. Haben ihre Zeit. Auch scheint das Lächeln in dieser Kultur einfach dazuzugehören. Die Menschen sind freundlich, und man glaubt ihnen ihre Freundlichkeit. Ich zumindest glaube sie ihnen. Das Zauberwort, das mir hierzu einfällt, ist Karma. Hier auf der Insel Bali sind mehr als 80 % der Bevölkerung Hindus (ganz im Gegensatz zum Rest Indonesiens, wo mehrheitlich Moslems wohnen). Und die wollen vor allem eins: gutes Karma, um im ewigen Kreislauf der Wiedergeburten gut dazustehen.

Ein pupsender Vulkan und balinesisch interpretierte Popsongs

Am nächsten Morgen geht es gleich um 8:00 Uhr mit dem Boot hinaus zum Tauchplatz Emerald. Kleine weiße „Spinnenboote“ mit schmalen Körpern und zwei seitlichen Auslegern aus Holz holen uns an der Basis ab. Mit ihnen schippern wir an der Küste entlang. Beim Blick auf die Insel sehe ich den Gunung Agung (den großartigen Berg) zum allerersten Mal in seiner ganzen Herrlichkeit. Der über 3.000 Meter hohe Vulkan zeichnet einen gewaltigen dunklen Kegel in den blauen Morgenhimmel. Er ist das Epizentrum, der Schöpfer und irgendwie auch die Mutter dieser Insel. In seinem Schatten sind wir wie kleine Ameisen. Jederzeit ist er zum Ausbruch bereit, respekteinflößend und von meinem Boot aus gesehen auf seine Weise wunderschön. Umkränzt von einem grünen Band üppiger Vegetation.

Fröhlich geht die Bootsfahrt dahin. Für mich, die ich die weißen Kalksteine an der kroatischen Küste gewöhnt bin, sehen die schwarzen Lavasteine an den nördlichen Stränden Balis auch nach vier Tagen noch immer etwas fremd aus. Am Tauchplatz angelangt werfen wir uns in die angenehm warmen Fluten. Das Riff ist außergewöhnlich schön, mit riesigen Korallenstöcken, die ich in dieser Form noch nicht kenne. Ein Rotfeuerfisch (der erste in meiner Tauchkarriere) sitzt auf einem Felsvorsprung und lässt seine fächerförmigen Flossenbänder in der Strömung flattern. Ihm ist es egal, dass ich hier bin. Nicht egal ist es wohl den kleinen Fluchtfischen, die auf ihren Korallen hocken und sich sofort verziehen, als sie der Lichtkegel meiner Tauchlampe streift. Ob ich sie vielleicht doch ausschalten sollte? Ein kleiner Kugelfisch liegt schlafend in einer Koralle. Tausende Schwarmfische ziehen durch das Riff.

Den restlichen Tag verbringe ich faulenzend auf dem Balkon. Zwischendurch gehe ich an die Bar, um einen Kaffee zu trinken. Mein Göttergatte taucht heute zum ersten Mal wieder. Mittags genehmige ich mir ein feines Süppchen. Wobei ich mir sagen lasse, dass es die Balinesen mit Suppen eigentlich gar nicht so haben. Die kochen sie hauptsächlich für uns Touristen. Auch mit den Essenszeiten nehmen es die Balinesen nicht so genau. Bei den Einheimischen wird in der Früh gekocht. Dann bleibt das Essen zugedeckt auf dem Esstisch stehen und jeder kann sich bedienen, wann immer er möchte. Jeder isst, wenn er hungrig ist. Die tägliche Nahrungsaufnahme ist für Balinesen scheinbar eher nebensächlich. Bei Festen sieht das naturgemäß etwas anders aus. Dann wird in Gesellschaft lustvoll getafelt und geschmaust.

Am Nachmittag wird wieder gefaulenzt. Ein heftiger Regenschauer geht nieder. Auf unserem trockenen Balkonplatz stört mich das nicht im Geringsten. Es ist wunderbar warm bei feuchten 28 bis 30 Grad. Und der tropische Regen ist eine echte Wohltat. Es ist idyllisch – bis mit einem Male ein ruckartiger Schauer durch die Glasfront des Hotels fährt und die Terrassenfenster zum Erzittern bringt. Mein Göttergatte schläft in aller Seelenruhe. Ich denke mir: Ein Erdbeben fühlt sich anders an. Keine Minute später ist mir auch klar, warum. Es war eine Druckwelle ganz anderer Art. Der Gunung Agung hat ein kräftiges Lebenszeichen von sich gegeben und ein wenig Asche hoch in den Abendhimmel geschleudert. Eine Aschenwolke steht über dem Kegel. Seit einiger Zeit, heißt es, macht er das alle zwei Wochen einmal. Heute scheinbar etwas stärker als die Male davor. Die Sonnenaufgangswanderung auf den Gunung Batur, den kleineren Nachbarvulkan, streiche ich schon mal in Gedanken. Dabei hätte mich diese kleine Bergtour unheimlich gereizt. Aber wer weiß, vielleicht komme ich ja noch einmal hierher.

Wenige Minuten später ist die große Aufregung vorbei. Alles geht seinen gewohnten Gang. Wir spazieren zum Essen ins Dorf. Kaum einen Steinwurf von unserem Hotel entfernt gibt es einige Lokale. Wir nehmen in einem Restaurant Platz, in dem unsere Inselschönheit und ihr Faserplattenschmeichler am Tag zuvor bereits gut getafelt haben und in dem wir sehr freundlich empfangen werden. Es gibt alles, was das Herz begehrt: Iced Ginger Tea, Bier, Nasi Goreng, Mixed Satay … letzteres wähle ich aus (gemischte Fleischspieße mit Erdnusssauce und Reis, dazu etwas Gemüse) und lasse es mir schmecken. Mein Göttergatte verzwickt ein scharfes Hühnchen, das nicht sehr ausgiebig zu sein scheint und schiebt gleich zwei Frühlingsröllchen hinterher. Jetzt ist der gute Mann satt. Man merkt, dass er wieder gesund ist.

In der Zwischenzeit kommt ein junger Mann mit einer Gitarre daher und nimmt neben dem Eingang Platz. Gemeinsam mit dem Kellner unseres Warungs (so nennt man die Straßenrestaurants) spielt und singt er Lieder von Bon Jovi bis Eric Clapton oder so. Ich kenne mich mit balinesisch interpretierten Popsongs nicht gut aus. Jedenfalls singen sie: I served the surrey“ zur Musik von „I shot the sherif“. Ein Ohrenschmaus! Lustig ist’s.

Vor dem Zubettgehen ist es mir heute ein Bedürfnis, mich bei unserem Junior zu melden. Manchmal, wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen (der Fastvulkanausbruch beschäftigt mich doch noch etwas), ist es ganz gut, sich den wirklich wichtigen Menschen im Leben zu widmen. Natürlich nicht nur dann – aber dann eben auch. Gut geht’s dem Kleinen Großen. Wortkarg ist er wie immer online per WhatsApp, ein bisschen frech wie immer, alles bestens wie immer. Mein Göttergatte neben mir schnarcht bereits und langsam fallen auch mir die Augen zu.

Ein Stromausfall, eine Massage, Eine Straßensperre, ein Baumhaus und eine Riesendrückerfisch-Attacke

Am nächsten Morgen fühlt sich mein Hals recht kratzig an. Mist. Hab ich also doch irgendeinen Virus abbekommen. Kurzerhand streiche ich den morgendlichen Tauchgang und kuschle mich nochmals ins Bett. Mein Göttergatte macht schon fleißig seine Apnoeübungen und taucht ab, während ich selig schlummere. Was ich nicht so recht mitbekomme ist, dass der Strom im gesamten Hotel ausgefallen ist. Ich frage mich nur, warum draußen irgendeine Maschine so laut vor sich hin hämmert. Die Antwort kommt mit meinem Göttergatten direkt frei Haus – der Notstromgenerator des Hotels ist’s. Na gut, dann auf zum Frühstück. Das gibt’s trotzdem, weil im Hotel mit Gas gekocht wird.

Der Morgen ist faul. Mein Morgen ist faul. Alle anderen haben schon einen Tauchgang und ihr Frühstück hinter sich, als ich auf der Terrasse des Hotelrestaurants Platz nehme. Mein Göttergatte haut rein wie ein Scheunendrescher und verspeist neben mir sein zweites Frühstück. Die Sonne scheint im Paradies. Und wir haben eine tolle Fernsicht. Ein kleiner Gecko klettert an der Mauer entlang. Ein zweiter, größerer, verschwindet hinter einem überdimensionalen Spiegel. Tokais nennt man die großen Geckos hier. Und wenn die siebenmal hintereinander ihre klickenden Laute von sich geben, soll das demjenigen, der sie hört, ganz viel Glück bringen. Vorausgesetzt er fängt den Gecko anschließend ein. Sechs Laute habe ich gezählt, mehr ist mir nicht vergönnt. Aber wir sind ja noch ein paar Tage hier.

Heute mache ich mich auf zum Hotelspa, wo ich mich für eine Relaxmassage anmelden will. „Sorry, no electricity“ meint die Dame dort, als ich ihr mein Anliegen schildere. Sowas Blödes aber auch. Die Klimaanlage ist aus. Es gibt auch kein warmes Wasser. Ob ich vielleicht nur die Massage allein möchte, ohne anschließende Wellnessdusche? Und wie ich will. Ich setze mich auf einen der breiten Fauteuils im Foyer und lehne mich zurück. Ich finde es gar nicht so schlecht, wenn die Klimaanlage einmal nicht läuft. Eigentlich richtig gut. Es ist ruhig. Es zieht nicht. Und die Temperatur ist trotzdem angenehm. Neben mir liegt ein Stapel mit Illustrierten. Ich staune, als ich merke, dass die meisten aus Deutschland sind. Im Jahr 2017 hat hier scheinbar jemand einen ganzen Vorrat hinterlassen. Die Geschichten sind also vielleicht nicht topaktuell. Ich schmunzle in mich hinein, verkneife mir die Zeitschriften und verschiebe mein zweimonatliches Promi-Update auf meinen nächsten Friseurbesuch zu Hause.

Stattdessen blicke ich mich um. Plötzlich durchfährt es mich: Ich hab meine Schuhe noch an. Peinlich berührt ziehe ich sie in Windeseile aus und platziere sie vor der Tür. Gerade rechtzeitig, denn die Dame aus dem Wellnessbereich kommt gerade mit einer Schale mit Wasser wieder. In die hinein kommen: meine Füße, grobkörniges Salz und Rosenblätter. Erstaunt stelle ich fest, dass das Wasser warm ist. Vielleicht hat sie es aus der Küche geholt? Mit samtweichen Händen werden meine Füßchen gesäubert. Da – der Strom ist wieder da. Die Klimaanlage surrt. Die Lampen leuchten wieder. Eigentlich schade.

Nach dem Fußbad begebe ich mich auf die Massageliege hinter dem seidenen Vorhang. In Bauchlage fällt mein Blick auf den Boden. Nein, besser gesagt auf schwarzes Steinbecken, das mit Wasser gefüllt ist, auf dem bunte Blüten tanzen. Allesamt wachsen im Garten des Hotels. Irgendjemand muss sie morgens pflücken, um uns westlichen weißhäutigen Touristen bei der Massage eine kleine Freude zu machen. Es gelingt.

Ein zweiter Blick fällt auf die fein säuberlich pedikürten nackten Füße meiner Masseurin. Die Nägel sind mit bläulich schimmerndem Lack verziert. Ein toller Kontrast zur bronzefarbenen Haut des Fußes. Blöderweise fallen mir genau jetzt als quasi Kontrastfüße jene eines steirischen Masseurs ein, die ich betrachten durfte, als ich einmal Thermenurlaub in Loipersdorf machen durfte. Dessen Fußnägel waren nämlich alles andere als eine Augenweide. Ich grauste mich tatsächlich ein bisschen vor ihnen. Da half nur: Augen schließen. Das tue ich auch jetzt, aber mit viel Genuss.

Frisch eingeölt und herrlich entspannt entschwebe ich nach einer abschließenden Tasse heißen Ingwertees dem Spabereich. Eineinhalb Stunden feinster Massage liegen hinter mir. Vor mir liegt der Indische Ozean. Die Insel Lombok ist heut außergewöhnlich gut zu sehen. Ich setze mich zur Zahlenfriseurin und zu unserem Aquaman und will ein bisschen plaudern, da kommt mein Göttergatte in einem für seine Verhältnisse ungewohnt schnellen Tempo daher. Es ist definitiv nicht sein entspannter Urlaubsschlurfschritt, was mich aufmerksam werden lässt. Es ist sein Ich-muss-dir-was-Dringendes-sagen-Schritt. Ich bin ganz Ohr. „In zehn Minuten fahren wir zum Baumhaus. Kommst mit?“

Was für eine Frage! Und wie ich mitkomme. Und schneller als man „zusammenpacken“ sagen kann, bin ich mit Rucksack, Trekkingschuhen und Reishut bewaffnet an der Rezeption (gut, ich habe etwas länger gebraucht und alle anderen mussten auf mich warten, aber innerhalb der Zehnminutenfrist bin ich geblieben).

Munter geht die Fahrt im Hotelbus dahin, die Straße durchs Dorf und dann landeinwärts mitten ins Grüne hinein. Ich sitze in der ersten Reihe vorne am Beifahrersitz, also links neben dem Fahrer, wo bei uns zu Hause eigentlich der Fahrer sitzt (eh schon wissen, wir haben Linksverkehr). Und es fühlt sich irgendwie doch ein bisschen spooky für mich an, dass uns die vielen Mopedfahrer jetzt alle rechts entgegenkommen. Wir düsen die Straße entlang. Die Häuser werden weniger. Der Wald wird mehr. Wie fast überall auf Bali liegt auch hier einiges an Müll herum. Die Müllentsorgung hat eindeutig Verbesserungspotenzial. Morgens wird auf der Insel oft Plastik verheizt und ein leichter Brandgeruch zieht durchs Paradies. Dem Konzept unseres plastikfreien Hotels kann ich immer mehr abgewinnen.

Mit einem Mal vollführt unser Fahrer eine abrupte Bremsung und macht ein reichlich betretenes Gesicht. Auch ich schaue von meinem Beifahrersitz verblüfft auf die Straße. Weil da irgendwie nämlich ein schönes Stück Straße weggeschwemmt ist. Einige Sandsäcke sind Zeugen der Bemühungen, diesen Übergang zu sichern. Umsonst. Hier ist für den Hotelbus Endstation. Macht aber nix. Wir steigen einfach aus. Das Ziel unseres Ausfluges liegt nur ca. 15 Minuten Fußmarsch von unserem Ausstiegspunkt entfernt und wir spazieren die Straße entlang, an einzelnen Häusern und Höfen vorbei. Goldlöckchen und die Seepferdchensucherin voraus, danach die Staatsmeisterin und der Küchenlegionär, dahinter die Inselschönheit mit ihrem Faserplattenschmeichler, und zum krönenden Abschluss mein Göttergatte und meine Wenigkeit. Was für ein Zug.

Die Einheimischen grüßen uns freundlich (mir scheint sogar fast, sie amüsieren sich ein bisschen über uns). Eine Ziege grast friedlich am Wegesrand. Hennen rennen durch die Gegend. Ein Hahn stolziert vorbei. An den Bäumen hängen Netze mit handtellergroßen Spinnen. Die Luft ist warm und feucht. Es zieht zusammen. Wolken türmen sich auf. Nicht mehr lange und es beginnt zu regnen. Wir setzen unsere Reishüte auf und weisen uns damit eindeutig als dumme weiße Touristen aus. Derart geschützt erreichen wir das Baumhaus allerdings halbwegs trocken.

Ein wunderschöner Blick über den sagenhaft grünen Monsunwald hinaus zum Meer liegt vor uns. Es tropft von unseren Reishüten, doch die Laune ist ungebremst gut. Das Baumhaus „Rumah Pohon Tukad Abu“ liegt an einem grandiosen Aussichtsplatz am Fuße des Vulkans Agung. Wir erinnern uns: Das ist der, der gestern eine Aschewolke ausgespuckt hat. An schönen Tagen kann man hier mit Sicherheit tolle Fotos machen. Auch wir fotografieren und genießen den warmen Monsunregen der auf die schützenden Bambusdächer prasselt. Der Rasen ist saftig grün und kurz geschnitten. In den Wassergräben der Tempelpyramide schwimmen Frösche. Alte mit Kies gefüllte Autoreifen sind unsere „Trittsteine“. Es ist eine eigentümliche Mischung.

Wir warten darauf, dass der Regen nachlässt, doch irgendwie wird er stärker statt schwächer. Wir balancieren über eine niedrige Hängebrücke. Unter dem Tritt unserer Inselschönheit bricht eine der Bambuslatten. Ich finde das recht interessant, ist sie doch die leichteste und zierlichste in unserer Gruppe. Aber, keine Sorge, nix passiert. Und die Brück verläuft knapp über dem Boden. Wir besuchen die Aussichtsplätze und Zeremonienstätten, machen Fotos mit den Menschen dort, streicheln die Hunde des Hauses. Etwas abgelegen entdecke ich einen Taubenschlag.

Inzwischen schüttet es wie aus Kübeln. Die Reishüte reichen schon lange nicht mehr aus, um uns trocken zu halten. Trotzdem wird es Zeit für den Rückmarsch. Wir wollen unseren Fahrer nicht extra lange warten lassen. Pitschnass und durchweicht bis auf die Knochen kommen wir wieder beim Hotelbus an, den wir sofort hemmungslos volltropfen. Als wir kurz darauf wieder im Hotel ankommen heißt’s: Raus aus den Klamotten und rein in den Hotelpool. Hier an der Küste ist übrigens kein einziger Tropfen Regen gefallen …

Kurz darauf kommt der Chef der Tauchbasis und schwärmt uns von der tollen Sicht vor, die jetzt gerade im Meer sein soll. Kurzerhand tauchen mein Göttergatte und ich ab. So viel also zum Thema Kranksein. Die Sicht ist tatsächlich nicht schlecht, bis zu einer Tiefe von ca. 15 Metern, darunter ist sie eher mau. Doch es zahlt sich aus. Ein großer schlafender Kugelfisch, drei Büffelkopf-Papageienfische, minifutzikleine Geistermuränen, ein Porzellankrebs, ein Stachelrochen und ein Rotfeuerfisch sind die Highlights. Und da war dann noch die – ich nenne sie der Dramatik halber – Riesendrückerfisch-Attacke. Hat mir doch tatsächlich so ein brütender Riesendrückerfisch zweimal in die Flossen gezwickt. Aber ordentlich. Ich war wohl nicht schnell genug aus seinem Revier draußen. Lästiges Vieh. Ach ja, was einem hier nicht alles widerfährt. Am Ende des Tauchgangs wird es finster. Aber gut – ich wollte heute ohnehin einen ruhigen Tag einlegen. Ist mir doch bestens gelungen, nicht wahr …

Noch immer nicht genug von Bali? In Teil 2 gehts weiter: 12 Taucher im Schatten des Vulkans (2)