Die Werbetexterin

Die Ameise

Es gibt auf dieser Erde hier
so manches Kriech- und Krabbeltier.
Doch eines, das ist ganz famos,
es rackert, schöpft und hackelt bloß.
Man sieht es tragen, rennen, laufen,
und hört es keuchen, ächzen, schnaufen.
Da wuselt es ganz wilde,
entstehen Straßen und Gebilde.
Ohne Jammern, ohne Klagen
wird es die Ameise ertragen.

Sie scheint, und es ist schade drum,
zwar fleißig, aber ziemlich dumm.

© geschrieben von eva BRISLINGER
illustriert von BRANDY - Brandstätter
veröffentlicht in "Der verrückte Garten - Gärtnerlatein in Vers und Reim". Mehr dazu hier.




Die krumme Fichte oder

Die große Sehnsucht nach Lametta

Winterliche Betriebsamkeit herrschte an diesem Morgen im Christbaumwald, als der Fichtenbauer Schorsch und sein Sohn Edi in feierlicher Stimmung die letzten Bäumchen für das kommende Weihnachtsfest fällten.

Die hübschesten Fichtenbäumchen wuchsen in diesem Wald. Anmutige hohe, kleine buschige und außerdem noch ein paar Silbertannen. Und genau in diesem Wald stand eine kleine, krumme Fichte. Sie hatte wohl kräftige Nadeln, aber die Äste waren unsymmetrisch und die ganze Fichte war windschief gewachsen. Nicht zuletzt deshalb hängte der Fichtenbauer auch immer seine Jacke daran, wenn es ihm bei der Arbeit zu heiß wurde.

„Das wird dieses Jahr wohl wieder nichts“, seufzte die Fichte. „Ich bin einfach zu hässlich.“ Geknickt sah sie den beiden Bauern zu, wie sie ihre stattlichen Brüder und Schwestern nacheinander einnetzten und auf den schweren Anhänger luden. Und dabei wäre sie so gerne mit auf den Markt gefahren. Endlich ein richtiger Christbaum sein. Das war ihr größter Wunsch.

Der Edi war an diesem Tag sehr in seine Arbeit vertieft, schnitt ein Bäumchen nach dem anderen um und packte richtig zu. Und als er einmal gerade nicht richtig nachdachte – ratsch – schon hatte er die krumme Fichte gefällt.

Der Fichtenbauer Schorsch trat zu ihm hin und sagte: „Jå mei, wås soll ma denn mit dem schiachn Bamale? Des kaft uns doch ka Mensch nit åb.“

„Jå, a echt …“, gab der Edi zurück. „Waßt wås, nehma’s anfåch mit und zua Not schneid ma hålt die Astln åb und måch ma a G’schteck draus.“

Als die krumme Fichte das hörte, bekam sie einen Heidenschreck. Sie war doch ein Christbaum! Und sie wollte Lichter tragen und bunte Glaskugeln und Zuckerstangen und Lametta … und sie wollte vor allem ganz bleiben.

Der Fichtenbauer und sein Sohn luden die krumme Fichte als Letzte ganz oben auf den Anhänger hinauf und fuhren damit in die Stadt zum großen Christbaummarkt.

„Waßt wås, Edi, geb ma ihr noch a Schåns!“, sprach der Fichtenbauer Schorsch, als er die krumme Fichte vom Anhänger holte und sie liebevoll betrachtete. Schließlich hatte sie doch alle Jahre wieder seine Jacke für ihn gehalten. Und gemeinsam steckten sie das Bäumchen in ein Holzkreuz.

Da stand sie nun, die krumme Fichte – zwischen hundert anderen Bäumchen. Und als sie sich so umblickte, kam sie sich doch etwas schäbig vor. So klein und unbedeutend. So unschön. Und als sie bemerkte, dass die Leute, die vorübergingen und ein Christbäumchen suchten, abschätzige Bemerkungen über sie fallen ließen, ja gar über sie lachten, war ihr gar nicht weihnachtlich zumute. Aber – sie war hier. Sie hatte es bis hierhin geschafft und sie würde es auch weiter schaffen. In ein warmes, gemütliches Wohnzimmer.

Da sah sie ein kleines, pausbäckiges Mädchen Hand in Hand mit ihrer Mutter vorbeispazieren. Die blonden Zöpfchen der Kleinen lugten lustig unter der roten Mütze hervor und baumelten bei jedem Schritt. Da dachte die krumme Fichte ganz, ganz fest bei sich: „Bitte, bitte, nimm mich mit!“

Das Kind blieb stehen und hielt seine Mutter fest. „Mama, hast du das gehört? Das Bäumchen, das kleine Bäumchen da drüben, das spricht!“ Und es zeigte geradewegs auf die krumme Fichte.

„Ach ja?“, meinte die Mutter lächelnd. „Was sagt es denn?“

„Es möchte, dass wir es mitnehmen“, flüsterte die Kleine geheimnisvoll.

„Und du? Möchtest du das vielleicht auch?“, fragte die Mutter ihre Kleine und zwinkerte ihr zu. Das Mädchen blickte seine Mutter mit großen Augen an und nickte bedeutungsvoll. Und zur Freude aller nahmen sie das Bäumchen mit nach Hause.

Und die krumme Fichte? Die strahlte am Heiligabend. Aber nicht nur wegen der vielen Kerzen und Lichter und Sternspritzer oder wegen der Zuckeräpfel und goldenen Nüsse oder der Krippe unter ihren Ästen. Sie strahlte vor Glückseligkeit.


© geschrieben von eva BRISLINGER
illustriert von Ajda Erznoznik
veröffentlicht in "Fröhliche Wintergeschichten zum Vor- und Selberlesen". Mehr dazu hier.